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Düsseldorf
Urban radeln

Eine Radtour von Düsseldorf nach Duisburg bietet Ruhrgebietsromantik
Die Radtour nach Duisburg führt am Rhein, Schrebergärten ein bisschen Schwerindustrie vorbei. FOTO: Monkey Business Images/ Shutterstock.com
Düsseldorf. Eine Radtour nach Duisburg bietet Ruhrgebietsromantik pur, Schrebergärten und ein bisschen Schwerindustrie. Von Alexandra Wehrmann

Ausgangspunkt unserer Tour ist die Rheinterrasse. Von hier aus ist Duisburg, so die Beschilderung, 28 Kilometer entfernt. Zweieinhalb bis drei Stunden sollte man, wenn man gemütlich fährt, dafür einplanen. Die ersten 14 Kilometer folgen dem Rhein stromabwärts und sind den meisten Düsseldorfern wohlbekannt, ist doch die Strecke eine beliebte Feierabend- oder Sonntagstour.

Ab Höhe Messe/Esprit Arena radelt man unbehelligt von Autos auf dem Rheindeich. Trotz der Breite des asphaltierten Wegs kann es hier schon mal eng werden. Jogger, Skater, Spaziergänger und Radler, sie alle streben gen Düsseldorfer Norden. Vorbei an grasenden Schafen (links) und Pferden (rechts) geht es nach Kaiserswerth. Akustisches Erkennungszeichen: Akkordeon-Klänge, vorgetragen von mindestens drei Musikanten im Viertel.

Hinter Kaiserswerth verläuft der Weg dann näher am großen Strom, die Auen sind breit und mit Kopfweiden gespickt. Erste Häuser und ein Kirchturm künden von Wittlaer. Es ist ausgerechnet Düsseldorfs wohlhabendstes Viertel, das an das vergleichsweise finanzschwache Duisburg grenzt. In der Gartenwirtschaft Schwenke ("Aschlöksken"), die gleich hinter der Stadtgrenze liegt, herrscht Duisburger Preisniveau. Die Bratwurst vom Grill kostet zwei Euro, ein Alt 1,40 Euro. Steaks, Kartoffelsalat und Pflaumenkuchen sind für ähnlich kleines Geld zu haben. Unzählige Ausflügler, in der Mehrzahl Radler, wissen das zu schätzen. Manch einer hat die Verpflegung, um die Kosten noch weiter zu senken, sogar selber mitgebracht. In Tupperdosen.

Tipps: Als Radfahrer sicher durch die Stadt FOTO: SP-X

Ist die Stadtgrenze passiert, entfernt sich der Weg vom Rhein – und die Szenerie ändert sich schlagartig. Die starken Unterschiede, die man den Städten nachsagt, sie finden hier ihre Entsprechung in Bildern. Hohe Schornsteine und rauchende Schlote zeugen von der ausgeprägten Stahlindustrie im Duisburger Süden und zeichnen ein Pott-Bild wie aus den 1960er Jahren.

Zunächst aber geht es durch den Stadtteil Serm, einst von Bauern gegründet und bis heute bekennendes Dorf geblieben. Wenn nicht gerade Karneval ist, der hier ausgiebig gefeiert wird, geht es ruhig und beschaulich zu. Und ein bisschen exotisch: Bei "Tradition aus Vietnam bei Le" darf man direkt auf der Dorfstraße die Küche Südostasiens probieren. "Kann was", bestätigt ein Passant mit Hund auf Nachfrage.

Nach Überquerung der B288 erreichen wir die Schrebergartensiedlung "Gute Ernte". Neben den obligatorischen schwarz-rot-goldenen wehen hier auch die blau-weißen Fahnen des MSV, vereinzelt sind offenbar auch BVB-Fans unter den Kleingärtnern. Opas mit Radio am Fahrradlenker kommen uns entgegen, jene Sorte, die schon bei zaghaften Sonnenstrahlen ihr bares Bäuchlein zeigt. Liebenswertes Ruhrgebiet!

Hinter Sportverein, Hundeschule und XXL Moonlight Minigolf verläuft der Schwarzbach, an dessen Ufer wir im weiteren Verlauf entlang radeln. Bis ins Duisburger Zentrum sind es von hier noch zehn Kilometer. Plötzlich und unerwartet erhebt sich wenig später auf einem grünen Hügel die Skulptur "Tiger & Turtle". Die einzige begehbare Achterbahn der Welt wurde im November 2011 eröffnet.

Duisburgs Oberbürgermeister nannte sie vollmundig "einen der schönsten Orte Deutschlands" und lag damit offenbar gar nicht so falsch. 250.000 Besucher kamen allein in den ersten anderthalb Jahren. Dort, wo einst eine Industriebrache war, genießen nun Menschen aus aller Welt den imposanten Blick über das benachbarte Hüttenwerk Krupp Mannesmann und die Hafenanlagen von Logport II. Kurz hinter der Landmarke tauchen wir in ein Wohngebiet ein. Über teilweise holprige Straßen geht es vorbei an einer Kneipe namens "Treff 2000" zum Wanheimer Rheinufer, einer seltsamen Melange aus Uferpromenade, begrünten, baumbestandenen und durch Gewerbe und Industrie geprägten Abschnitten.

Kurz darauf sind wir schon in einem Kiez angelangt, das als durchaus problematisch gilt. Wenn von Duisburg-Hochfeld die Rede ist, geht es meist um Schrottimmobilien, zugewanderte Roma, Prostitution und den Arbeiter-Strich. Probleme, die wohl nicht von der Hand zu weisen sind. Zwischen Café Plovdiv und Bäckerei Istanbul, zwischen Spielhallen und Woolworth kostet der Döner im Dönerland 1,99 Euro und das Leben spielt sich überwiegend auf der Straße ab. Die Mülleimer, auf denen Slogans wie "Komma hier, Kevin!" prangen, quellen über. Und die allgegenwärtigen jungen Männer in Sportgarderobe und Badeschlappen wissen wohl selbst nicht so genau, wie sie diesen und die vielen folgenden Tage rumbringen sollen.

Aber auch Hochfeld ist mehr als nur Klischee. Der 2009 fertiggestellte Rheinpark bietet viel Platz zum Fußballspielen, Skaten oder einfach nur Rumsitzen. Das parkeigene und direkt am Rhein gelegene Café Ziegenpeter legt Wert auf ökologische Nachhaltigkeit und wird von Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam betrieben. Und das Hausprojekt Hochfeld möchte das in Verruf geratene Quartier mittels Yoga und Capoeira, Jam-Sessions, Konzerten und Meditation bunter und lebenswerter machen.

Im Erdgeschoss des Hauses Johanniterstraße 28 findet sich übrigens die Krümelküche, Duisburgs erstes veganes Café. Wer angesichts von Erdnuss-Schokogugelhupf oder Pasta mit Brokkolipesto, Orangen und Pinienkernen so kurz vor Ende der Tour immer noch nicht schwach wird, mag es vermutlich ungesünder und sollte noch zwei Kilometer weiter fahren, bis zur Untermauerstraße. In dieser unscheinbaren Sackgasse am Rande der Innenstadt, offeriert der City Grill Frittierware aller Art.

Seit 1964 gibt es den Imbiss mit der gelben Markise, dem gelben Mülleimer und der gelben Tonne, die als Stehtisch dient, bereits. Prominente Gäste waren in der Vergangenheit unter anderem Ex-Kanzler Gerhard Schröder und natürlich "Tatort"-Kommissar Horst Schimanski. Und die Pommes sind, wie wir am eigenen Gaumen erfahren durften, die Anfahrt von 28 Kilometern absolut wert.

Quelle: RP
 
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