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Serie So Wohnt Düsseldorf
Für immer Altstadt

Serie So Wohnt Düsseldorf: Für immer Altstadt
Eine Wohnung angefüllt mit Erinnerungen: Raimund Salm in seinem Wohnzimmer, von dem kann er auf das Alltagsleben der Altstadt hinunterblicken. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Das Nomadenvolk unserer Tage mit seinem häufigen Wechsel von Wohnungen und Jobs kann einen solchen Lebensweg kaum nachvollziehen: Raimund Salm, der soeben seinen 90. Geburtstag feierte, hat (fast) sein ganzes Leben in der Andreasstraße verbracht. Von Ute Rasch und Anne Orthen (Fotos)

Er hat den Wandel der Altstadt aus nächster Nähe erlebt und über Jahrzehnte kritisch begleitet. Vieles schätzt er an diesem Ort, manches findet er scheußlich, "vor allem den nächtlichen Radau". Hat er mal darüber nachgedacht in einen anderen, ruhigeren Stadtteil zu ziehen? "Niemals."

Terrasse mit Ausblick, hier kann der Hausherr meistens Stille genießen. FOTO: Anne Orthen

Die Andreasstraße an einem frühen Morgen: Am Traditions-Restaurant "Tante Anna" werden soeben Getränke angeliefert, vor dem Eingang des Hotels "De Medici" begegnen sich zwei alte Nachbarn: "Was macht der Rücken?" "Besser." An der Fassade des Dominikaner Klosters steht "Leben begleiten" - nur ein paar Schritte weiter, im Bestattungshaus Salm geht's eher um die Fortsetzung. Dort bleibt gerade ein Ehepaar vor den Schaufenstern stehen: Alte Kameras liegen hinter Glas, Filmrollen, Fotos von lachenden Menschen. Die Frau schaut ihren Mann an: "Dat haben die aber wieder schön dekoriert."

In der ersten Etage ist Raimund Salm zuhause, Senior des Hauses, Vater und Onkel des heutigen Geschäftsführer-Trios. Hier ist die Verbindung zu seiner beruflichen Vergangenheit noch lebendig, obwohl er schon lange nicht mehr im Geschäft "mitmischt". Seit dem Tod seiner Frau vor 20 Jahren lebt er in dieser Wohnung allein - 140 Quadratmeter angefüllt mit Erinnerungen. "Sie müssen meine Ahnenwand sehen", sagt er gleich zur Begrüßung. Fotos von Großeltern, Eltern, seinen drei Kindern - und von seiner Frau Ortrud in ihren jungen Jahren mit kessem Hut und feinem Lächeln. Die Kommode unter der Fotowand war ihr Gesellenstück. "Sie war die erste Schreinergesellin in Düsseldorf." Stolz in der Stimme. Im Raum daneben ergänzt sein eigenes Meisterstück das Handwerksgeschick des Paares, gefertigt 1950: eine Holzverkleidung mit integriertem Aktenschrank, "darin verschwindet mein kompletter Bürokram". Ein Möbel fürs Leben.

Tradition im Rahmen: Familienfotos aus mehreren Generationen. FOTO: Anne Orthen

Sein Großvater Carl Salm erwarb 1898 die Häuser in der Andreasstraße 17 und 19, ließ sie umbauen und mit Dampfheizungen ausstatten. Im Anbau, wo heute Schlafzimmer und Bad des Hausherrn sind, war einst die Schreinerei, in der zunächst nicht nur Särge, sondern auch Möbel aller Art entstanden. Dass Raimund Salm nicht in der Altstadt, sondern in Oberkassel zur Welt kam, verdankt er dem Expansionsdrang seiner Vorfahren. Denn sein Vater leitete ab 1926 die neue Filiale an der Luegallee, erst als Sohn Raimund 13 Jahre alt war, zog die Familie zurück in die Andreasstraße.

"Heutzutage kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass wir mitten in der Altstadt eine Sargschreinerei hatten mit Hobelmaschine und Kreissäge. Wenn wir die Sargböden hobelten, konnte man das noch im Rathaus hören." Hat sich keiner beschwert? "Ach was, es gab ja noch andere Betriebe, die Krach machten. Dafür hatten die Leute Handwerker direkt um die Ecke." Und viele Läden für den Alltagsbedarf, ob den Butter-Eier-Käseladen von Bertha Hennes oder die Drogerie Brück, in der das Seifenpulver von Hand hergestellt wurde. "Allein in der Kurze Straße, wo heute nur noch Kneipen sind, waren drei Metzgereien, eine verkaufte nur Pferdefleisch."

Und heute? Überall fast nur noch Kneipen. "Heute gilt dieser dumme Spruch von der längsten Theke der Welt." Auf den vielen Terrassen würden die Gäste eben die halbe Nacht draußen sitzen. Und mit jedem Glas steigt der Lärmpegel, "vor allem, wenn Fußballspiele über die Riesenbildschirme übertragen werden." Mit seiner Meinung hat sich Raimund Salm nie zurückgehalten, hat sie streitlustig vertreten als Vertreter der Anwohner in der Altstadtgemeinschaft. Und er hat gehandelt. Als vor Jahren das Nachbarhaus zum Verkauf stand, hat er zugegriffen und das Ladenlokal an eine Schmuckgalerie vermietet. "Ich wollte verhindern, dass direkt nebenan auch noch eine Kneipe eröffnet."

Aber wenn er auf seiner eigenen Terrasse (hintenraus) sitzt, beschützt von einem rostigen Wächter des Düsseldorfer Künstlers Anatol und noch stundenlang Geschichten aus der Altstadt erzählen könnte, wird er nur selten vom abendlichen Stimmen-Musik-Mix gestört. Zur Straßenseite hat er längst Dreifach-Glas einbauen lassen. Das hilft. "Früher wusste ich, wenn im Fußball ein Tor gefallen war - durch das Gejohle." Heute hört er nicht mal mehr St. Martin durch die Straße ziehen.

Aber eine Anekdote muss Raimund Salm schnell noch erzählen: Als nach seiner Hochzeit die neue Küche noch nicht fertig war, holte seine Frau von ihrer Schwiegermutter von nebenan einen Topf Suppe. Dabei wurde sie von einer Besuchergruppe beobachtet. Die Stadtführerin sah Ortrud Salm und meinte: "Sehen Sie, das ist das Milieu in der Altstadt. Da gehen die Frauen noch mit dem Kochtopf über die Straße."

Quelle: RP
 
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