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Udo Van Meeteren
"Bildung ist ein wichtiges Instrument"

Interview mit Udo van Meeteren über Bildung
Udo van Meeteren sieht die Bevölkerungsexplosion in vielen Ländern als Ursache für die Flüchtlingsströme. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Der Ehrenbürger der Landeshauptstadt gehört zu den Gründern der Bürgerstiftung Düsseldorf. Er sieht den Zustrom der Flüchtlinge als Herausforderung für die Gesellschaft, fordert, die Fluchtursachen zu bekämpfen und sinnvolle Integration.

Herr van Meeteren, Düsseldorf setzt am 16. Dezember ein Zeichen für Mitmenschlichkeit und Toleranz. Wie nötig ist das heute?

Van Meeteren Das ist mehr als nötig. Aktuell fordert uns der Flüchtlingsstrom heraus. Aber wir haben schon früher zahlreiche Flüchtlinge aufgenommen, etwa in den neunziger Jahren, und die Hilfe für Obdachlose und Arme in unserer Stadt ist ohnehin eine Daueraufgabe. Ich bin bei der Diakonie im Förderkreis für diese Aufgabe, und ich weiß, wie sehr dort Unterstützung benötigt wird. Die Gründung der Bürgerstiftung vor zehn Jahren war überfällig, heute kann sich man nur fragen: Wieso haben wir das nicht schon früher gemacht?

Am 16. Dezember wird gemeinsam gesungen, an die Bedürftigen werden Einkaufsgutscheine verteilt. Wie zufrieden sind Sie mit dem Spendenaufkommen?

Van Meeteren Ich kann den Düsseldorfern nur ein Kompliment aussprechen. Es sind bereits 60.000 Euro hereingekommen. Wir möchten am liebsten eine sechsstellige Summe erreichen, um möglichst viele Menschen mit dieser finanziellen Geste zu erreichen. Es ist ja noch etwas Zeit, die wollen wir nutzen.

Mehr als 3000 Menschen engagieren sich in Düsseldorf ehrenamtlich für Flüchtlinge. Überrascht Sie die Zahl?

Van Meeteren Ich bin positiv erstaunt. Sie bestätigt mich aber in der Auffassung, dass die Menschen oft ein besseres Gefühl als Politiker dafür haben, was notwendig ist und was nicht. Ich bin nicht besonders staatsgläubig, ich glaube, dass es das Individuum besser kann als der Staat. Das ging mir beim Jubiläum der Bürgerstiftung durch den Kopf. Das Engagement bei den Flüchtlingen zeigt ja, dass man nicht bei allen sozialen Fragen nach dem Staat rufen muss. Im Grunde sollte das Soziale überwiegend in der Gesellschaft stattfinden - da zitiere ich aus der Festschrift - , in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis, der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, in Vereinen und besonders der Gemeinde.

Dem Engagement steht aber auch die Kritik an der Bundespolitik entgegen: Viele Menschen haben Angst, dass sich Deutschland in der Flüchtlingsfrage übernimmt. Wie sehen Sie den Satz der Bundeskanzlerin "Wir schaffen das"?

Van Meeteren Bedenken kommen ja auch von denen, die sich engagieren. Es ist ja nicht die Frage, ob wir eine Million Flüchtlinge aufnehmen können, sondern wie die Entwicklung in der Folgezeit aussieht. Eine Kanzlerin muss abwägen, welche Signale sie mit ihrem Wort aussendet, denn auch in Afrika verbreiten sich solche Botschaften schnell und massenhaft. Unter dem Strich ist es wie bei der Energiewende: Es ist besser, sich erst einmal mit den wichtigsten Playern abzustimmen, um die Folgen politischen Handelns umfassend einschätzen zu können.

Was glauben Sie, wie sich die Flüchtlingsströme weiterentwickeln?

Van Meeteren Ich vermisse sehr, dass die Hauptursache in der aktuellen Diskussion kaum Erwähnung findet. Die sehe ich nicht im Krieg, sondern in der Bevölkerungsexplosion in vielen Ländern. Ein Thema, das mich seit Jahrzehnten beschäftigt, 1970 habe ich dazu vor dem Club of Rome meinen ersten Vortrag gehalten: "Die Masse Mensch als Grenze". Meine Stiftung unterstützt die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung aus tiefer Überzeugung schon sehr lange. Als ich 1926 geboren wurde, gab es auf der Welt knapp zwei Milliarden Menschen. Heute sind es 7,4 Milliarden. Meine Enkelin hat zwei Jahre in Gambia gearbeitet - die Familie, bei der sie lebte, bekam in dieser Zeit das 19. Kind. In vielen afrikanischen Ländern hat sich die Bevölkerung in den letzten 25 Jahren verdoppelt, und sie wird sich in den kommenden 25 Jahren wieder verdoppeln. Dort sitzen viele arme Menschen, das Land wird nicht größer und gibt nicht mehr her, und im reichen Europa ist Deutschland das reichste Land.

Was muss getan werden?

Van Meeteren Bildung ist vor allem für Mädchen und Frauen ein wichtiges Instrument, aber nicht leicht durchzusetzen. Ich weiß das aus dem persönlichen Umfeld: Der Bruder eines guten Freundes wollte in Afghanistan eine Schule aufbauen, in die auch Mädchen gehen dürfen. Mehrfach hat man ihm signalisiert, dass Mädchen nicht zur Schule gehen sollen. Er hielt an seinem Konzept fest - und wurde erschossen.

Was ist Ihre größte Sorge?

Van Meeteren Wenn ich mit meinen Enkeln darüber spreche, dann ist es die, dass sie irgendwann hier von Flüchtlingen nahezu überschwemmt werden. Es gibt also die gewaltige Herausforderung an die Politik, die Situation in den Ländern zu verbessern, die Entwicklungshilfe muss verbessert und ausgeweitet werden. Ich habe oft den Eindruck, dass sich westliche Diplomaten viel besser auf die Art des Denkens und die Mentalität ihrer Gegenüber einstellen müssen. Ich weiß selbst durch Jahrzehnte Geschäftstätigkeit im Ausland, wie schwer es ist, sich darauf einzustellen. Bei den arabischen Nationen etwa spielt oft Stolz eine Rolle. Fingerspitzengefühl ist deswegen auch hier bei der Betreuung vonnöten, sonst schnappen die Menschen ein. Auch brauchen wir ab sofort viele Dolmetscher sowie Lehrer und bei den Flüchtlingen hier die Bereitschaft, sich unserer Mentalität anzugleichen, sonst kann Integration nicht gelingen. Die Alternative sind Ghettobildungen, die unsere Bevölkerung verschrecken würden.

Das sind sehr viele Anforderungen.

Van Meeteren Das stimmt, und es sind nicht einmal die einzigen. Natürlich müssen wir denen helfen, die verfolgt werden oder vor Krieg flüchten. Wir müssen aber auch bei allen Flüchtlingen, die sich integrieren wollen, ermitteln, wo ihre Begabungen liegen, wofür sie geeignet sind.

Die Stadt macht das schon auf eigene Faust.

Van Meeteren Das ist sehr gut.

Sind Sie für ein Einwanderungsgesetz?

Van Meeteren Ich war sehr oft in den USA und vor allem in Kanada. Die Kanadier habe ich in diesem Punkt stets bewundert. Dort gibt es einen großen Mix von Nationen, und dies wurde aktiv gesteuert. Sie haben da ihre eigene Systematik entwickelt und benötigten kein bedeutsames Etikett. Ich habe an der Ostküste erlebt, wie integrationswillig etwa die Asiaten waren. Das war schon fast rührend zu sehen, die machten sich Fähnchen an die Autos - sie wollten unbedingt Kanadier sein.

Kann Europa, kann Deutschland das schaffen?

Van Meeteren Europa muss aus dem, was jetzt passiert, die richtigen Schlussfolgerungen ziehen und sich zusammenschließen - und dies eben nicht wegen der paar Millionen Flüchtlinge, die uns jetzt beschäftigen. Dazu gehört auch Pragmatismus. Ich halte es beispielsweise für absurd, dass rein aus bürokratischen Gründen die Bergische Kaserne nicht umgehend für die Flüchtlingsunterbringung genutzt wird. Die 60 oder 100 Soldaten des Musikkorps könnte man problemlos anderswo unterbringen.

UWE-JENS RUHNAU FÜHRTE DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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