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Düsseldorf
Kreative Pfarrer zum Fest ganz traditionell

Düsseldorf: Kreative Pfarrer zum Fest ganz traditionell
Norbert Fink ist katholischer Pfarrer und Stadt- und Kreisjugendseelsorger in Düsseldorf und Neuss. FOTO: Bretz Andreas
Düsseldorf. Norbert Fink rappt auf Youtube und manchmal in der Kirche, Lars Schütt organisiert "Off church"-Veranstaltungen. Die Weihnachtsgottesdienste der beiden Pfarrer werden aber eher traditionell ausfallen. Eine Einladung. Von Sven-André Dreyer

"Ich habe dich geschaffen und dein Herz stark gemacht, hab dir Leben gegeben und dich wunderbar gedacht", rappt der Mann im grauem Kapuzensweatshirt und der weit geschnittenen Skaterhose über einen Loop aus Bässen, Gitarre und Rhythmus. Das häufig angeklickte Musikvideo mit dem Titel "Dein Gott", das auf dem Onlineportal Youtube zu finden ist, zeigt Norbert Fink im Altarraum einer Kirche.

Seine Hand- und Armbewegungen sprechen dafür, dass er neben dem rein musikalischen auch eine hohe Affinität zur Mode und der entsprechend umgebenden Kultur des Hip Hop besitzt. Was, neben dem christlichen Text, den unvorbereiteten Betrachter des Videos jedoch zusätzlich irritieren mag, ist, dass der 42-jährige Sänger ein Kollarhemd trägt, das ihn als Geistlichen zu erkennen gibt. Kein Wunder, er ist Pfarrer. "Manchmal rappe ich auch im Gottesdienst", sagt Fink. "Häufig sind die Besucher zunächst überrascht, später schnipsen sie mit."

Fink, der nach einer Tätigkeit als Kreisjugendseelsorger im Oberbergischen Kreis nun als Stadt- und Kreisjugendseelsorger in Düsseldorf und Neuss bestellt ist, nutzt jedoch nicht nur die digitale Form. Auch in Gottesdiensten setzt er die im christlichen Zusammenhang eher ungewöhnliche Form des Hip-Hop-Gesangs ein, dann, wenn er glaubt, dass er dadurch Inhalte besser transportieren kann. "Ich bin selber ein audiovisueller Mensch und überlege mir, wie ich die Botschaft Gottes möglichst anschaulich rüberbringen kann." Dafür nutzt er neben dem Videoportal Youtube immer wieder auch Facebook und seinen eigenen Blog. Neulich, erzählt Fink, sei er am St. Ursula Gymnasium an der Ritterstraße von einem Schüler sogar um ein Autogramm gebeten worden. Der Jugendliche hatte eines von Finks Videos gesehen.

Natürlich könnten digitale Plattformen den persönlichen Kontakt nicht ersetzen, sagt Fink, aber das sollen sie auch nicht. Das Internet und soziale Medien gäben ihm aber die Möglichkeiten, jene zu erreichen, die sonntags nicht in die Kirche kommen. Vielleicht sogar diejenigen, die auch nichts mit Kirche am Hut hätten. Und auch er selber hole sich im Netz Anregungen von der Jugend, und schaue, was sie bewegt, welche Themen junge Menschen interessieren. "Kirche muss im Internet mehr präsent sein", findet Fink. Um neugierig machen zu können. Und um auch dort die Botschaft der Kirche zu verkünden.

In seinen Gottesdiensten versucht Fink deshalb neben klassischen Elementen immer wieder auch Modernes einfließen zu lassen. "Eine gute Messe soll Rituale haben, aber auch das Ungewöhnliche, damit der Gottesdienst die Menschen nachhaltig bewegt", sagt Fink. Und gerade für seine Tätigkeit als Kreisjugendseelsorger habe seine ungewöhnliche Präsentation weitere Vorteile: "Ich habe dann mit den Jugendlichen immer auch einen schnellen Kontakt und schon einen Fuß in der Tür." Immer wieder setzt Fink deshalb in seinen Messen auch kurze Filmbeiträge oder aktuelle Popmusik ein. "Musik, die jedermann aus dem Radio kennt", sagt der Pfarrer. "Denn der Glaube muss verkündigt werden in Wort, Tat und Musik, dass die Menschen ihn verstehen, weil er mit ihrem unmittelbaren Leben zu tun hat." Und die sozialen Medien sollen dabei überdies Geschmack machen, den Glauben auch abseits der Kirche immer wieder neu zu entdecken.

In der diesjährigen Christmette, die er als Stadtjugendchristmette am 24. Dezember um 23 Uhr in St. Maria unter dem Kreuze in Unterrath feiern wird, soll es in diesem Jahr eine besondere musikalische Gestaltung durch Orgel, E-Piano und Gitarre geben. "Einige der Gebete werden von Jugendlichen gesprochen und die Kirche wird besonders schön illuminiert", erzählt Fink. "Die Menschen, die kommen, sollen Freude am Glauben erfahren und eine Gemeinschaft, in der sie sich wohl und wertgeschätzt fühlen."

"Man kann nicht erwarten, dass junge Leute alles mitmachen"

Lars Schütt ist Pfarrer in der evangelischen Christuskirche. An Heiligabend lädt er zur Vesper ein. FOTO: A. Bretz

"Einfach mal geschehen lassen", sagt Pfarrer Lars Schütt und charakterisiert damit einige der Projekte in der Christuskirche an der Kruppstraße. Projekte, die mitunter weit über die klassische Kirchenarbeit hinausgehen. Die heißen etwa "Off church", literarische Abende mit akustischer Musik zum Beispiel, die zwar im Kirchenraum stattfinden, aber explizit auch Menschen zum Besuch der Kirche einladen, die nicht kommen, um dort einen Gottesdienst zu erleben.

"Viele dieser Dinge ergeben sich oft von alleine", sagt der 39-Jährige, der häufig auf Lesungen, Konzerten und Ausstellungen in der Stadt unterwegs ist und dort eben auch Akteure der Szenen kennenlernt. "Irgendjemand kommt dann hin und wieder auf die Idee, etwas in der Kirche zu machen. Und wir müssen uns dann nur darauf einlassen", sagt Schütt, der mit einem kleinen Kulturteam der Gemeinde diese Veranstaltungen kuratiert. Das können dann Kunstwerke aus Tape-Art genauso sein wie Konzerte oder eben auch Lesungen im Altarraum. "Die Veranstaltungen sind sozialpolitisch, haben einen fördernden Charakter und sind von ganz alleine immer wieder überraschend spirituell", sagt Schütt. "Ich öffne den Kirchenraum und bin dann selbst neugieriger Gast."

Und nicht nur die Off-church-Abende, auch die von Schütt verantworteten explizit kirchlichen Veranstaltungen richten sich immer auch an Menschen, die zwar distanziert sein mögen, gleichzeitig aber auch neugierig sind. Neugierig, Inspiration zu erleben, die authentisch ist und sich echt anfühlt. Denn nicht alleine durch eine Änderung der äußeren Erscheinung kann aktuelle Kirchenarbeit zu einer alternativen Glaubensvermittlung werden. Die Botschaft selbst in Frage zu stellen und offen und ehrlich an die Wurzeln zu gehen ist das, was Kirchenarbeit heute selbst leisten sollte, findet Schütt. Notwendig dafür ist aber auch, dass die Gemeinde einen guten Teil ihrer Gewohnheiten, Vorstellungen und vor allem ihren Einfluss abgibt. "Man kann nicht erwarten, dass junge Leute kommen, sich anpassen und alles mitmachen, nur weil es immer schon so war", sagt der Pfarrer.

Und auch die bloße Nutzung neuer Medien wie Facebook, Instagram und Co. sieht Schütt in diesem Zusammenhang eher kritisch: "Erst muss das Programm einer Gemeinde in der analogen Welt anders werden. Und wenn dann auch junge Leute mitwirken, kommt der Gebrauch sozialer Medien von ganz alleine."

Eines jedoch musste der Pfarrer in den vergangenen Jahren einsehen: Heiligabend und Weihnachten ist nicht die Zeit für Experimente. Seine durchaus radikalen Predigten der Jahre 2014 und 2015 hätten zwar vielen aus der Seele gesprochen, manche Besucher der Gottesdienste aber auch verschreckt. "Die Mehrzahl der Gottesdienstbesucher wünscht sich an Heiligabend die volle Portion Tradition", sagt Schütt. Dennoch: "Wenn die zum Selbstzweck wird, besteht die Gefahr, dass sie zur Folklore wird."

Und so wird Schütt in der am 24. Dezember um 18 Uhr stattfindenden Christvesper in diesem Jahr gemeinsam mit dem Singer und Songwriter Fabian Haupt, der vier alte Weihnachtschoräle neu interpretiert hat, versuchen, sowohl literarisch als auch musikalisch das Thema Hoffnung in den an diesem Abend kunstvoll entstehenden Bilderwelten zu thematisieren. Ab 0.15 Uhr lädt er dann bereits zum vierten Mal zur "Ruhe nach dem Sturm". Dabei legt der Düsseldorfer DJ Haru Specks bis morgens um 3 Uhr in der Kirche Platten auf. Dabei können die Menschen kommen und gehen wann sie wollen. Das Feedback der Veranstaltungsbesucher der letzten drei Jahren sei eindeutig, sagt Schütt. "So ruhig und intensiv zugleich erlebt man die Kirche fast nie. Manche bleiben ein oder zwei Stunden und genießen einen heiligen Moment, eine heilige Nacht."

Quelle: RP
 
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