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Düsseldorf
Autor Treichel liest vom Schmerz einer Mutter

Düsseldorf. Eine Mutter hält ihren toten Sohn im Arm. Bald wird sie zum Telefon greifen und die notwendigen Formalitäten einleiten, von seinem Sterben in der Nacht bis zum Morgen bleibt ihr Zeit.

Die selbst gesetzte Frist nutzt sie zu einer Beichte, sie notiert ihr Leben - eine Schmerzensmutter schreibt in knappen Worten auf, was von ihrer Existenz geblieben ist. Ebenso knapp ist Hans-Ulrich Treichels Erzählung "Tagesanbruch", 100 Seiten, seine einfache Sprache ist das Pendant zu einem einfachen Leben der Kriegs- und Nachkriegsgeneration.

Treichel, der 63-jährige, mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller, hat immer wieder über diese Generation geschrieben, die von leidvollen Erfahrungen geprägt ist, vor allem aber von dem Schweigen, das ein Leben bestimmt. Solche Erinnerungen haben "Konjunktur", wie der Autor bei seiner Lesung in der Zentralbibliothek sagte. Aber ihm geht es nicht darum, eine Familiensaga aufzublättern. Vielmehr gelingt es ihm, verknappt und verdichtet von dem täglichen Leiden zu berichten, das gerade die Frauen dieser Generationen erdulden mussten.

"Wenn der Tag begann, begannen die Sorgen", heißt es, auch wenn äußere Daten eine Art von Erfolgsgeschichte schildern: den Aufbau eines Textilgeschäftes mit dem kriegsversehrten Ehemann; der Sohn ist zum Akademischen Rat aufgestiegen. Doch jetzt erinnern sie nur noch die Schritte der tunesischen Familie über ihr, wie eine "richtige" Familie sein kann. Ihr Mann ist vor langer Zeit gestorben, der entfremdete Sohn ist nur zum Sterben zu ihr zurückgekommen.

(hag)
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