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Düsseldorf
Bloß keine Berührungsängste

Düsseldorf. Im Tanzhaus NRW ist eine Marathon-Performance zu erleben. Auf der Bühne stehen Düsseldorfer Bürger und improvisieren. Von Regine Müller

Die Bühne ist eine leere, weiße Fläche. Jan Martens steht in Socken davor und gibt ab und zu kurze Kommandos. "Yes" ruft er, oder "no", oder "change partner". Viel redet er nicht, der zierliche belgische Choreograph aus Antwerpen, der im Tanzhaus derzeit "Factory Artist" ist und von der europäischen Fachzeitschrift "tanz" zum "Hoffnungsträger 2015" ausgerufen wurde. Knapp, aber präzise sind auch seine Angaben zur nächsten Übung. Denn wir sind nicht etwa bei einer Probe. Sondern bei einem Workshop, der auf den Ernstfall der Aufführung zwar vorbereiten will, aber keine Einstudierung im herkömmlichen Sinne ist. Denn tatsächlich gibt es hier gar keine Choreographie, sondern lediglich so etwas wie ein festgelegtes Setting. Und für die beiden Aufführungen Handlungsanweisungen, die außer dem Team niemand kennen darf. Schon gar nicht die Darsteller.

"The common people" wird auch kein Theaterstück, sondern - man kann das durchaus auch als Drohung verstehen - ein Experiment mit völlig ungewissem Ausgang.

Auf den ersten Blick wirkt das, was die 24 Darsteller in Alltagskleidung auf der Bühne treiben, wie eine skurrile Spielart gruppendynamischer Übungen oder therapeutischer Körperarbeit. Auf Martens Kommando sollen sich spontan Paare finden. Sie stehen stumm voreinander, sollen einander berühren, steuern, mehr oder weniger sanften Druck ausüben, sich ineinander verknoten und wieder auseinander finden. Sitzen, hocken, stehen, liegen, langsam paarweise laufen in engstem Kontakt. Dann heißt es wieder "change partner". Das Ganze in Vierergruppen. Mit geschlossenen Augen. So langsam wie möglich. Schnell. Noch schneller. Nach einer Weile staunt man: Die Möglichkeiten der stummen, aber höchst intensiven Begegnung mit dem immer wieder Fremden sind unbegrenzt. Und die Fantasie der Akteure ist frappierend. Kein Paar gleicht dem anderen. Manche finden tänzerische, grazile Positionen, andere gehen in einen schwitzenden Clinch. Manche Konstellationen suggerieren Kampf, andere wirken ruhig und entspannt.

Etwa 80 Männer und Frauen haben sich für das Projekt beworben, die Frauen sind natürlich in der Überzahl. Bis auf Kinder sind alle Altersgruppen vertreten. Es sind IT-Fachleute darunter und Manager, Friseurinnen, Hausfrauen, Studenten und Sozialarbeiter. Ganz normale Leute, die ihre Stadt repräsentieren.

Nur 48 von den 80 Bewerbern konnten genommen werden und wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die beiden Laien-Gruppen absolvieren die Workshops voneinander getrennt. Mit den Aufgaben lernen sie einander zwar kennen. Bei den Aufführungen aber treffen sie wiederum auf Fremde. Nämlich die Mitglieder der anderen Gruppe.

Thuy-Tien Nguyen ist 21 Jahre jung, tanzt gerne und wirkt häufig bei Theaterprojekten mit. Sie hatte hier ein Tanzprojekt erwartet, hat aber nun viel Spaß an der experimentellen Arbeit. "Ich muss mich nicht überwinden, fremde Menschen anzufassen."

Das geht Hans Fellhauer (79) ganz anders. Schon im vergangenen Jahr war er bei den ähnlich konzipierten "Blind Dates" dabei: "Ich hatte vorher Probleme bei der Begegnung mit Fremden", gibt er zu. Auch Silvia Göhring-Fleischhauer (57) gesteht, dass diese Annäherungen gehörigen Mut verlangen. "Man darf eigentlich keine Scheu haben. Aber Jan Martens schafft dafür eine gute Atmosphäre."

Der Choreograph will mit seinem Projekt gegensteuern: "Wir haben doch heute nur noch Kontakt über das Internet und verbarrikadieren uns hinter unserem Screen. Wir können uns immer schlechter konzentrieren, weil wir einfach immer weiterklicken. Eine körperliche Berührung, ihre Kommunikation und Energie kann ich aber nicht einfach wegklicken."

Was aber erwartet den Zuschauer nun bei dem angekündigten Performance-Marathon? Martens vermutet: "Was geschehen wird, ist allein Sache der Akteure, es ist ihre Regie, das Skript gibt nur die Anweisungen. Die Beobachtung der Geschichten, die aus den Begegnungen entstehen, schärfen auch die Sinne des Publikums. Ich bin sehr gespannt auf die Rückkopplung."

Quelle: RP
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