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Günther Beelitz
Das Land hat das Schauspielhaus gerettet

Düsseldorf. Bis Juni ist Beelitz noch Intendant in Düsseldorf. Ein Gespräch mit dem Prinzipal, der mehr erreicht hat, als er für möglich gehalten hatte. Von Annette Bosetti

"Wir können nur konsolidieren", hatte Günther Beelitz angekündigt, als er 2014 ans Schauspielhaus geholt wurde. Es galt, die Bühne aus einer ihrer schwersten Krisen herauszumanövrieren. Kurz vor Ende seiner Intendanz liest sich die Bilanz gut. Ein Gespräch mit Deutschlands dienstältestem Theaterchef, der von 1970 bis 2005 Theater leitete und für Düsseldorf erneut antrat.

Können Sie sich ein Leben ohne Theater vorstellen?

Beelitz Nein. Aber wenn ich nicht mehr selbst Theater mache, habe ich ja die Möglichkeit, hinzugehen.

Was würden Sie anders machen, könnten Sie heute noch einmal von vorne beginnen?

Beelitz Ich würde es wie die Figur Kürmann in Frischs Stück "Biografie" machen: Am Unwesentlichen versuchen, etwas zu ändern, um das Wesentliche so zu belassen wie es war. Aber es bewusster zu sehen.

Welches ist die einschneidendste Veränderung der Vergangenheit?

beelitz Tatsächlich sind es die Arbeitsbedingungen, die durch das Tarifgefüge komplizierter und reglementierter geworden sind. Das macht Theater teurer und unbeweglicher. Dabei müsste das Entscheidende sein: So frei wie möglich im künstlerischen Bereich arbeiten zu können. Diese Freiheit schwindet. Und es wird noch schlimmer.

Sind die besten Zeiten des Theaters also vorbei?

Beelitz Das Theater hat nie beste und auch nie schlechteste Zeiten gehabt, sondern es musste sich zu jeder Zeit neu erfinden.

Was hat sich in Düsseldorf verändert während der 30 Jahre, die Sie nicht am Schauspielhaus waren?

beelitz Düsseldorf war immer eine theaterbegeisterte Stadt. Nach dem Krieg wurde mit dem Beginn der Gründgens-Ära das Theater als Manna benötigt, es war die wichtigste Kulturnahrung. Das hat sich lange so fortgesetzt. Mit der Zeit haben wir das Alleinstellungsmerkmal verloren. Heute gibt es ein breites Angebot von attraktiven Veranstaltungen. Früher war das Theater unangefochten die Kulturburg - nahezu ohne Konkurrenz.

Was missfällt Ihnen am Düsseldorfer Publikum?

Beelitz Das Publikum ist immer so gut wie das, was wir im Theater machen. Diese Wechselwirkung beruht auf einem Vertrauensverhältnis. Wenn dieses stimmt, kann man viel experimenteller arbeiten. Eine Basis zu haben, ist wichtig, einen Humus, auf dem etwas gedeihen kann.

Was war die größte Herausforderung?

beelitz Dass man als Theatermacher nicht gewünscht war, dass man sich missverstanden fühlte und sich dadurch voneinander ganz abgewandt hatte. Theater und Publikum litten an Entfremdung. Diesen Riss galt es zu flicken, eine neue Wertschätzung aufzubauen.

Haben Sie denn auch einmal gefloppt?

Beelitz Och. Ich kann guten Gewissens sagen: Gefloppt habe ich nicht. Aber ich habe erfolgreicher und weniger erfolgreich gearbeitet.

Wie gehen Sie mit der internen Kritik beispielsweise an Ihrem Führungsstil um?

beelitz Es muss einen geben, der die Kommandos gibt. Es muss entschieden sein, was entschieden wird. Irgendwann muss man klare Kante zeigen. Und so wird man nie Everybodys Liebling.

Haben Sie Ihren Auftrag in Düsseldorf als Retter-Rolle aufgefasst?

beelitz Die Situation war ernst. Das Land überlegte tatsächlich, aus der Finanzierung des einzigen Staatstheaters in NRW auszusteigen. Alles stand Spitz auf Knopf.

Was hat die Landesregierung getan?

beelitz Ich habe 18 Minister in meiner Laufbahn gehabt und dabei niemanden erlebt, der so entschieden für das Schauspielhaus gekämpft hat wie Ministerin Ute Schäfer. Sie hat geholfen, den Haushalt zu konsolidieren; sie hat das Schauspielhaus für Düsseldorf gerettet.

Was war in Ihren zwei Jahren der elektrisierendste Moment?

beelitz Der Einzug ins Central. Als wir alle in Kostümen in einer Karawane vom Schauspielhaus zur neuen Spielstätte zogen. Da spürte ich, dass unsere beiden Spielzeit-Motti - ,Brecht auf' und ,Centraler geht's nicht' - im Rückblick aufgingen.

Waren Sie auch mal ganz unten?

beelitz Selbstverständlich. Es gab Produktionen, wo man sehenden Auges merkte, dass sie nicht funktionieren würden. Kunst ist in großem Rahmen planbar, aber nicht programmierbar.

Dass das Ensemble nicht übernommen wird, finden Sie ...

Beelitz ... schade und schrecklich zugleich. Aber so geht es zu beim Theater.

Sie konnten nur gewinnen in dieser Zeit. Haben Sie auch etwas verloren?

Beelitz Ein bisschen Lebenszeit vielleicht - würde meine Frau sagen, die das Ganze toll mitgetragen hat. Ohne Christine hätte ich das gar nicht durchgestanden.

Ihr letzter Wunsch ans Düsseldorfer Haus ist ...

Beelitz ... dass die jetzige Schließungsphase zur Komplettsanierung des Hauses am Gustaf-Gründgens-Platz genutzt werden muss. Alles andere wäre fatal: Wenn man etwa in fünf Jahren noch einmal schließen müsste, um die Fassade oder andere Restarbeiten durchzuführen. Leider steht das aber zu befürchten.

Am ersten Tag nach Ihrem letzten Arbeitstag werden Sie als erstes ...

Beelitz ... das Glücksschwein meiner Frau vom Schreibtisch nehmen und den Talisman, den mir Gabriele Henkel schenkte, einpacken, Dann gebe ich den Schlüssel ab und sage Adieu.

Quelle: RP
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