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Düsseldorf
Das Schauspielhaus nimmt Fahrt auf

Düsseldorf. Das neue Ensemble ist angekommen, die ersten Stücke werden geprobt. Denn bis zum Spielzeit-Auftakt bleibt nur noch ein Monat. Von Regina Goldlücke

Im Schauspielhaus geht es nun richtig los. Kaum mehr fünf Wochen bleiben bis zur ersten Premiere im Theaterzelt am Corneliusplatz. Am 15. September eröffnet das "Gilgamesh"-Epos die Saison und läutet die Ära des neuen Intendanten Wilfried Schulz ein. Zehn Tage später folgt das Theaterabenteuer "In 80 Tagen um die Welt" nach Jules Vernes weltberühmtem Klassiker von 1893. Es soll ein komödiantisch-musikalisches Spektakel werden, das den Aufbruch der Düsseldorfer Bühne thematisch passend illustriert. Denn auch dort beginnt eine spannende Reise mit noch unbekannten Stationen.

Fünf Schauspieler quetschen sich deshalb für ein Foto mit schwungvoller Symbolkraft in einen Oldtimer. Der Nachbau eines Mercedes SSK von 1929 wurde von seinem Besitzer Curt Commer aus Köln nach Düsseldorf kutschiert und kam gerade noch vor einem heftigen Regenguss am Central an. Am Heck kauert stilecht gekleidet Andreas Grothgar, einer der wenigen Schauspieler, die am Haus bleiben konnten. Ein Start mit vielen neuen Kollegen ist für ihn nicht ungewohnt. "Die Muster ähneln sich an allen Theatern", sagt er. "Man kennt die Leute noch nicht, alle agieren zunächst etwas verhalten. Alle sind anständig. So erlebe ich es auch hier. Aber die Stimmung ist prima, die Proben machen Spaß. Und ich darf wieder mal der Bösewicht sein."

Grothgars Rolle ist der Fix, ein durchtriebener Detektiv. Die Düsseldorfer Fassung von "In 80 Tagen um die Welt" stammt von den Regisseuren des Stücks, Leonhard Koppelmann und Peter Jordan, die eine langjährige Theaterzusammenarbeit verbindet. "Ich schreibe etwas und gebe es ihm", berichtet Jordan lapidar. "Er korrigiert das dann und fügt eigene Ideen ein." Bei den Proben gingen die beiden allerdings unterschiedlich vor. "Leonhard Koppelmann hat beim Inszenieren immer das gesamte Stück im Kopf, ich arbeite mich von Szene zu Szene durch", sagt Jordan.

Bei der Besetzung des Stücks verließ sich das Regie-Duo auf Empfehlungen des Intendanten und des Chefdramaturgen. "Damit sind wir gut gefahren", sagt Peter Jordan. "Ob es klappt, merkt man schon nach der ersten Leseprobe." Einzige Frau an Bord ist Judith Bohle. Die 20er-Jahre-Schönheit trägt zum Fototermin eine rote Perücke und erklärt ihre Rolle: "Ich spiele Molly, eine Androidin, ein Geschöpf von Phileas Fogg." Fogg ist einer der Weltreisenden in Jules Vernes Roman. Schauspielerin Bohle kommt vom Theater in Wiesbaden nach Düsseldorf. "Dort durfte ich diesen Zauber des Anfangs vor zwei Jahren zum ersten Mal spüren. Und jetzt ist er wieder da, welch ein Glück", sagt sie. Abschied und Neubeginn gehören für sie zum lebendigen Pulsieren des Theaters. "Das gibt der Beruf so vor. Es soll immer wieder aufregend sein, an etwas gewöhnen will ich mich erst gar nicht."

Am Steuer des Oldtimers sitzt Torben Kessler, der vorher in Frankfurt engagiert war. Und neben ihm hat Jonas Friedrich Leonhardi Platz genommen. Er kam mit Intendant Wilfried Schulz und einigen Kollegen aus Dresden, hat also vertraute Gesichter um sich. "Was wirklich neu für mich ist, ist die Stadt", sagt er. "Und ich erlebe sie dazu noch ohne richtiges Schauspielhaus, das ist schon etwas seltsam." Die Schauspieler müssen teilweise weite Wege in Kauf nehmen. So hat man die Proben für "In 80 Tagen um die Welt" ins Castello ausgelagert, eine Mehrzweckhalle in Reisholz.

Und wo findet man in diesen Wochen den Intendanten? An vielen Plätzen auf einmal, so scheint es. Auch beim Fotoshooting taucht Wilfried Schulz kurz auf. "Ich bin froh, wenn es losgeht", sagt er. "Wir wollen endlich Theater spielen." Die augenblickliche Atmosphäre habe dennoch ihren Reiz: "Es ist mir ein großes Vergnügen, zu beobachten, wie die Leute aus allen Himmelsrichtungen ankommen und wie sich alles fügt." Schulz musste mit vielen Widrigkeiten auf einmal kämpfen. Sind die schlimmsten Hürden genommen? Er schweigt. Sehr lange. Dann lächelt er und sagt: "Nur so viel - alles wird gut." Schulz winkt und huscht davon. Ganz sicher wird das Düsseldorfer Publikum goutieren, dass vor den Premieren im Theaterzelt die Möglichkeit zu einem Probenbesuch angeboten wird.

Bei dem Jules-Verne-Abenteuer wirkt auch Thiemo Schwarz mit. Es ist seine achte Saison in Düsseldorf, begonnen hatte er bei Intendantin Amélie Niermeyer. "Anfänge sind immer toll", bestätigt er, findet aber auch warmherzige Wort für seine Kollegen, die nicht übernommen wurden. "Da sind im vorigen Oktober viele Tränen geflossen, ich brauchte Zeit, das zu verarbeiten", erzählt er. "Aber jetzt schauen wir nach vorn." Eines wünscht er sich: "Wir Schauspieler sind über die ganze Stadt verteilt und haben keine Kantine mehr. Es fehlt ein Ort, an dem wir uns alle treffen. Das müssen wir unbedingt schaffen, damit wir schneller zusammenwachsen können."

Quelle: RP
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