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Düsseldorf
Furiose Abrechnung mit der Gegenwart

Düsseldorf. Vier Frauen hadern mit sich und dem Leben der anderen. Ein virtuoser Text von Sibylle Berg, inszeniert vom Gorki-Theater. Von Dorothee Krings

Sie haben es mit Gewalt versucht. Haben Jungs zusammengeschlagen, die ihnen schwächer erschienen, weil sie den Frust über das eigene Leben dann wenigstens für ein paar Momente aus sich rausschleudern konnten. Aber dann steckten sie ja weiter fest in ihrem Leben, eingezwängt in all die fremden Rollen, die eine junge Frau im Alltag so einnehmen muss: Tochter, Freundin, Geliebte, schön, erfolgreich, fit.

Vier Frauen vom Berliner Gorki-Theater hadern mit der Gegenwart. Sie stecken voller Wut, Frust, Selbstverdruss, sind gnadenlos, nervös, immer in Bewegung. Angewidert vom eigenen Selbst, abgehärtet durch Sarkasmus schleudern sie ihren Zuhörern ihre Diagnosen zur Zeit entgegen, nehmen sie unter Thesen-Dauerbeschuss. Schließlich leben sie in einer durch und durch ironischen Selbstbespiegelungs-Gegenwart, sehen sich selbst beim Versagen zu, wissen um die Mickrigkeit ihres Seins und die noch mickrigeren Versuche, die Mittelmäßigkeit zu überwinden. Ab und an trifft eine Sms ein von der Ex-Freundin, die aus diffusen Gründen abhanden kam. Dann halten die vier Stimmen für einen Augenblick inne, geben sich dem Liebeskummer hin, der auch nur eine Pose ist. Oder doch Gefühl? Oder doch nur Nachahmung?

Die hellsichtige Sibylle Berg hat eine Textfläche zur Gegenwart geschrieben. Wie Elfriede Jelinek, nur populärer, amüsanter, gnädiger. Und Regisseur Sebastian Nübeling hat mit vier grandiosen Darstellerinnen vom Berliner Gorki-Theater aus dem Stück für vier Stimmen ein virtuoses Drama gemacht, das die Frauen chorisch sprechen, individuell darstellen. Und das mit einem Tempo, einer Dynamik, einer wütenden Unmittelbarkeit, die den Zuschauer ungefiltert erfasst. Beim Asphalt-Festival war die Inszenierung von "Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen" jetzt im Central zu erleben. Fast ist man dankbar, wenn die Schauspielerinnen mal ablassen, die Wort-Attacken mal durch Musik unterbrechen, Pop-Songs persiflieren, Tanzposen karikieren. Auch in der Disco ist der Verhaltenskodex ja streng, versuchen alle den Klischees zu genügen und sehen sich insgeheim dabei zu. Denn, das ist die Botschaft der Kapitalismuskritikerin Sybille Berg: Wo alles Ware ist, auch der Mensch, gibt es keine Authentizität mehr. Charaktermasken, wohin die Autorin blickt. Nur im Konsum darf der Einzelne ja noch Entscheidungen treffen. Und hat längst begriffen, dass er auch darin nur berechenbare Reflexe vollzieht. Diese Gedankengänge sind nicht neu, Kapitalismuskritik wird im Theater seit geraumer Zeit vielstimmig vorgetragen. Doch Berg hat einen besonderen Ton, einen Humor, der zwar selbst sarkastisch ist, aber doch voller Mitleid mit dem Menschen, der sich windet, der doch nur geliebt werden will. Und sich selbst hasst.

Berg lässt uns zusehen, wie ihre Figuren sich quälen, wie sie unerbittlich die Verlogenheiten ihres Lebens entlarven und sich Vorhaltungen machen. Das hilft, die Gegenwart klarer zu sehen, pseudokritische Posen aufzudecken, die Wichtigtuer und Selbstverliebten zu enttarnen. Darin steckt auch die stille Botschaft, Versagen, Anderssein, Sperrigkeit anzunehmen. Vielleicht ist das Individuum im Zeitalter des Konsumismus nur im Scheitern ganz bei sich.

Das Asphaltfestival dauert noch bis Sonntag: www.asphalt-festival.de

Quelle: RP
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