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Streitgespräch
"Kulturpolitik muss mutig entscheiden"

Streitgespräch: "Kulturpolitik muss mutig entscheiden"
Maurice Lausberg (v.l), Kathrin Tiedemann und René Heinersdorff im Gespräch FOTO: Endermann
Düsseldorf. Experimentaltheater, Wagner-Oper oder Boulevard? Welche Kultur ist gefragt in Düsseldorf, welche wird gefördert und wie sollte das in Zukunft weitergehen? Darüber haben wir mit zwei Theaterleitern und einem Unternehmensberater diskutiert.

Kathrin Tiedemann leitet bereits seit elf Jahren das Forum Freies Theater, das unter anderem Off-Gruppen aus der Stadt eine Bühne bietet. René Heinersdorff gründete 1994 das Boulevardtheater Theater an der Kö und arbeitet zudem als Autor, Schauspieler und vor allem als Regisseur. Maurice Lausberg ist Professor an der Hochschule für Musik und Theater München und gleichzeitig Geschäftsführer der Unternehmensberatung actori, die sich auf Klienten aus dem Kultursektor spezialisiert hat. Mit diesen drei Experten haben wir über das Profil der Kulturstadt Düsseldorf gesprochen.

Versuchen wir mal eine Bestandsaufnahme: Welche Art von Kunst wird aus Ihrer Sicht in Düsseldorf gepflegt?

Heinersdorff Viele Menschen leben in dem Irrtum, dass Kultur sich am Markt nicht halten könne, mit dem Umkehrschluss: was sich trägt, könne keine Kultur sein. Entsprechend wird gefördert: Es gibt Geld für Theater, Oper und einen Topf für freie Initiativen - dahinter steckt ein klassischer Kulturbegriff.

LAUSBERG Die Kommunen finanzieren in der Tat vor allem die Strukturen, die historisch gewachsen sind. In Berlin zum Beispiel machen die drei Opernhäuser ein Drittel der gesamten Kulturausgaben aus. Öffentliche Kulturförderung wird erforderlich, wenn der Markt versagt. Ein Opernhaus etwa kann ohne öffentlichen Zuschuss nicht überleben. Wenn das ginge, würde actori schon längst profitable Opernhäuser betreiben. Eine Gesellschaft muss sich entscheiden, welche Institutionen sie sich leisten will und welche Bedeutung sie der Kultur zuspricht. Leider lässt sich die identitätsstiftende Wirkung von Kunst und Kultur nicht so leicht in Zahlen ausdrücken.

HEINERSDORFF Es gibt sehr wohl private Opernhäuser, das sind die Musical-Theater.

LAUSEBERG Das ist ein völlig anderes Genre und auch eine andere Produktionsweise: Musicals werden am Stück gespielt, das kann sich rechnen. Ein Repertoire-Opernhaus kann man nicht rentabel führen.

Es gibt also Kunstformen, die nur überleben können, wenn die Gesellschaft sie finanzieren will. Beobachten sie da Veränderungen im Konsens darüber, welche Art von Kunst Geld bekommen sollte?

Tiedemann Wir stellen fest, dass das Interesse an neuen Theaterformen stetig wächst und freie Gruppen den Mainstream beeinflussen. Immer mehr Leute wollen Theater machen, und auch das Publikum wächst, 2004 hatten wir 17 000 Zuschauer, heute sind es 23 000 pro Jahr. Das hängt mit der Krise der Repräsentation zusammen. Menschen wollen heute selbst auf die Bühne, wollen von ihrem Leben erzählen, das hat sicher auch mit Reality-Formaten und interaktiven Formen in den Medien zu tun, die Grenze zwischen privat und öffentlich verschwindet.

Während also das Off-Theater wächst, Stadttheater mit Bürger-Bühnen experimentieren, müssen Kommunen weiter den Bestand wahren und ihre großen Häuser finanzieren. Klaffen das Interesse der Bürger und der Kulturauftrag auseinander?

Lausberg Das ist die Frage nach Relevanz und Partizipation, wie viele Menschen haben wirklich Anteil an der geförderten Kultur? Öffentliche Unterstützung für Opern oder Schauspielhäuser steht immer unter dem Verdacht, elitäre Förderung zu sein. Aber ich bin da nicht pessimistisch. In München hat es gerade eine große Bürgerbewegung für einen neuen Konzertsaal gegeben, obwohl am Ende sicher nur ein Bruchteil der Bürgerschaft ihn nutzen wird.

HEINERSDORFF So optimistisch wäre ich da nicht, in Bonn sammeln die Bürger gerade Unterschriften für die Schließung der Oper.

Geht es also bei der Vergabe öffentlicher Gelder eigentlich um die Frage: Hochkultur oder ein weiterer Kulturbegriff für alle?

Tiedemann Es geht auch um die Frage, wie viel Experiment möchte man tatsächlich wagen. Von Kultur wird ja immer Neues, Überraschendes erwartet, aber dann können Vorstellungen nicht zugleich immer ausverkauft sein. Neue Formate brauchen Zeit, ihr Publikum zu finden. LAUSBERG Es kann natürlich nicht darum gehen, nur noch Mainstream zu fördern, dann landen wir beim Musikantenstadl. Der müsste auch nicht durch Gebühren finanziert werden, weil sich solche Shows auch selber tragen könnten. Ich glaube, Kulturpolitik muss mutig sein, muss klare Schwerpunkte setzen, um Kunstformen weiterzuentwickeln. In diesem Sinne darf sie elitär sein.

TIEDEMANN Ich finde es fatal, dass nur noch über Geld geredet wird und nicht darüber, was wir von der Kultur erwarten. Die Theater zum Beispiel tun so viel für die Entwicklung einer Stadt. Wir arbeiten mit den Hochschulen zusammen, mit freien Künstlern, versuchen, neue Kunstformen zu entwickeln, die in die Gesellschaft hineinwirken, es geht um Kommunikation, um Austausch, aber es wird nur noch gefragt, was das kostet. Dabei gibt es nur noch wenige Orte der öffentlichen Selbstverständigung, die für eine Demokratie unerlässlich sind.

HEINERSDORFF Genauso gehört ein Boulevardtheater zu einer Großstadt. Wir sind sicher nicht das Reagenzglas der Kunst, bei uns findet der Diskurs mit dem Publikum an der Kasse statt - es kommt oder bleibt weg. Aber auch wir würden gern mal die Grenzen des Boulevards austesten, bräuchten dafür aber auch öffentliche Unterstützung. Es wäre besser, wenn die Politik gezielt förderte, was in einer Stadt gut läuft, statt immer erst aktiv zu werden, wenn ein Haus kurz vor der Schließung steht.

Aber dann wird nach der Politik gerufen.

Lausberg Die Kommunen sind in die Defensive geraten. Sie versuchen, bei schrumpfenden Etats den Bestand zu retten, statt aktiv zu überlegen, welche Kultur sie für ihre Stadt wollen und Schwerpunkte zu setzen. Dafür brauchen Politiker aber Kompetenz und vor allem den Mut, eine Kulturförderstrategie durchzusetzen - auch wenn das bedeutet, nicht alles fortzuführen.

Und wie sollten Bürger in diese Entscheidungen eingebunden werden?

Tiedemann Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, zum Beispiel über Programmentscheidungen mit dem Publikum zu sprechen. Da kommt keineswegs nur Mainstream raus. Das Publikum ist aktiver Teil der Kultur.

HEINERSDORFF Ich halte nicht viel von Publikumsbefragungen, aber Kulturpolitiker sollten sich für die Meinung der Bürger interessieren, Podiumsdiskussionen veranstalten, sich mit den Institutsleitern der Stadt zusammensetzen. Aber das wird immer nur im Wahlkampf angekündigt.

Sie fordern also einen Kulturgipfel in Düsseldorf?

Heinersdorff Ja, wir brauchen viel mehr öffentliche Diskussionen darüber, wie das Geld in der Kultur vergeben wird.

TIEDEMANN Vielleicht sollten mal alle Kulturschaffenden mit den Politikern eine Landpartie machen, damit es nicht darum geht, sich selbst zu positionieren, sondern wirklich ungezwungen darüber zu sprechen, welche Kultur wir für Düsseldorf wollen.

LAUSBERG Am Ende wird es aber Menschen brauchen, die visionär entscheiden und dafür auch Risiken eingehen. Ganz basisdemokratisch funktioniert das nicht.

DOROTHEE KRINGS FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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