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Serie 60 Ist Die Neue Lebensmitte
Sie schläft sogar mit Lippenstift

Serie 60 Ist Die Neue Lebensmitte: Sie schläft sogar mit Lippenstift
In ihrer Kollektion bestimmen Bänder und Raffungen die Kleidergröße: Gabriela Holscher-Di Marco will Kleidung die guttut. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Mode ist eine schnelllebige Branche. Aber Expertin Gabriela Holscher-Di Marco behauptet sich mit ihrem Geschäft bereits seit 40 Jahren in Düsseldorf und hat in dieser Zeit vieles erlebt. Von Alexandra Wehrmann

An einem Dienstagmittag steht die Frau, der das Label "Stilikone" anhaftet, in einer ehemaligen Werkhalle und lächelt. Ruhig und konzentriert agiert sie vor der Kamera der Fotografin, senkt auf Wunsch das Kinn, schaut durch metallene Ketten, die von der Decke ihres Ladenlokals hängen. Nach wenigen Minuten sind die Bilder im Kasten. Gabriela Holscher-Di Marco lässt sich auf einen Stuhl plumpsen. Das wäre schon mal erledigt. "Ich lasse mich nicht gerne fotografieren."

Der erste Blick hätte eigentlich ihrer Garderobe gelten müssen (sie trägt ausnahmslos schwarz). Galt er aber nicht. Zu einnehmend ist ihr Gesicht. Die Augen, die zwischen blau und grau changieren. Der rot geschminkte Mund. "Ich schlafe sogar mit Lippenstift", lacht sie. Von den Lippen abgesehen ist sie ungeschminkt. Kein Make-up. Nichts. Die kurzen grauen Haare tragen einen Hauch von Pink. Ela sieht großartig aus. In zwei Jahren wird sie 70.

Als Jugendliche wollte Holscher-Di Marco Nonne werden. "Vier Monate war ich in einem Kloster", erinnert sie sich. Danach hatte sie eine schwere Tuberkulose - und begrub den Plan. Nach der Mittleren Reife absolvierte sie zunächst eine Friseur-Lehre im väterlichen Betrieb. Im Anschluss zog es sie in die große weite Welt. Vom beschaulichen Heimerzheim nahe Bonn ging sie zunächst nach Paris, später nach Düsseldorf. Mit Anfang 20 schnitt sie im Breidenbacher Hof der Prominenz die Haare. Familie Flick. Madelaine Schickedanz. Und Mireille Mathieu. Ela verpasste der französischen Sängerin jenen Haarschnitt, der bis heute ihr Markenzeichen ist. "Ich hatte tolle Kunden", erinnert sie sich. An manchen Tagen machte sie 1000 Mark Trinkgeld. Aber natürlich war auch bei ihr das Leben nicht immer ein Selbstläufer. "Es gab auch harte und traurige Zeiten."

Mit 29 bekam Holscher-Di Marco ihren Sohn - und benannte ihn nach ihrem großen Helden: David wie David Bowie. Obwohl sie alleinerziehend war, beschloss sie, einen Laden zu eröffnen. Ihr Lebensmotto "Fürchtet euch nicht" war damals schon Programm. 1977 startete "ELA selected". In dem Laden an der Gustav-Poensgen-Straße ging bald die Kunst- und Musik-Szene ein und aus. Zur Eröffnung waren Arbeiten von Reinhard Mucha zu sehen. Die Einstürzenden Neubauten kamen vorbei, Xao Seffcheque, Kraftwerk und die Toten Hosen. Weil der Laden anfangs nicht genug abwarf, ging Ela nebenher putzen, schnitt weiterhin Haare und rezensierte Bücher.

"Es war eine verrückte Zeit. Ich kam gar nicht dazu, über mein Leben nachzudenken", sagt sie heute. Ihre Ware bezog sie damals fast ausschließlich aus den USA. Regelmäßig reiste sie zu Händlern nach New York und Los Angeles, um die original-amerikanischen 501-Levi's zu besorgen. Und Vintage, natürlich. Kreditkarten gab es zu der Zeit noch nicht. Die Kleidung musste in bar bezahlt werden. "Manchmal war ich mit 70.000 Mark in einer Bauchtasche und einem Kind an der Hand in Brooklyn unterwegs." Und Brooklyn war zu der Zeit noch ein wirklich gefährliches Pflaster.

Mittlerweile sind die Vintage-Zeiten passé. Heute präsentiert Holscher-Di Marco in einer ehemaligen Werkhalle auf dem Liesegang-Gelände einen Mix aus etablierten und (noch) unbekannten Independent-Designern. Henrik Vibskov. Barbara i Gongini. Hannibal. Jeder von ihnen ist in Düsseldorf exklusiv bei "ELA selected" vertreten. Die 68-Jährige ist viel unterwegs - immer auf der Suche nach neuen Ideen und Talenten. Stillstand war noch nie ihr Ding.

Vor acht Jahren hat sie zum zweiten Mal geheiratet. Den Italiener Antonio Di Marco. "Anti" nennt sie ihn. Manchmal tanzen die beiden im Laden, erzählen sie. Seit 2011 entwirft Ela auch eine eigene Kollektion. Inspirieren lassen hat sie sich von den Formen des Künstlers Imi Knoebel. Aus Kreisen, Dreiecken, Quadraten und Kreuzen entstehen ihre Teile. Die Kleider, Hosen und Mäntel kommen komplett ohne Knöpfe und Reißverschlüsse aus.

Und auch ohne Größen. Sie werden stattdessen über Bänder und Raffungen individuell angepasst. "Ich brauche Kleidung, die mich beschützt, die mir guttut", erklärt sie. Für ein Teil zu hungern, wäre für sie keine Option. "Ich habe noch nie eine Diät gemacht", sagt Ela. "Nicht für Mode."

Quelle: RP
 
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