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Derendorf
Auf der Spur der ermordeten Eltern

Derendorf. Die 90-jährige Margot Goldberg wird am ehemaligen Schlachthof an ihre Eltern erinnern, die 1941 von dort ins Ghetto deportiert worden waren. Von Semiha Ünlü

Als der Zug los rollt, schaut die 13-jährige Margot noch einmal aus dem Fenster. Sie kann gerade noch einen Blick auf ihren Vater erhaschen, wie er am Gleis steht und weint. "Ich hatte meinen geliebten Vater noch nie weinen sehen. Auf einmal wusste ich, dass ich ihn nie wieder sehen würde", sagt die inzwischen 90-Jährige. Als der Zug an der deutsch-niederländischen Grenze von den Nationalsozialisten angehalten wird, und sie die Weiterfahrt verbieten, ist sie daher fast schon froh, weil sie hofft, doch wieder nach Düsseldorf zu ihrer Familie zurückkehren zu können. Doch der Zug darf passieren, und Margot sieht ihren Vater Arthur und ihre Mutter Johanna Cohen nie wieder: Sie werden 1941 vom Derendorfer Schlachthof in das Ghetto Lódz deportiert, dann in das Vernichtungslager Chelmno. Dort wird das Ehepaar sofort nach der Ankunft von der SS ermordet.

Am 11. September wird Margot Goldberg den Ort aufsuchen, an dem für ihre Eltern und ihren Großvater wie für fast 6000 weitere Juden die Reise in den Tod begann: den ehemaligen Schlachthof auf dem Areal der heutigen Hochschule. Zwischen 1941 und 1944 mussten sich tausende Juden aus dem gesamten Regierungsbezirk Düsseldorf in der Großviehhalle einfinden, bevor die Nazis sie am nächsten Tag vom benachbarten Güterbahnhof in die Ghettos und Vernichtungslager im besetzten Polen deportierten. Margot Goldbergs Eltern, die gegenüber dem Schlachthof lange Zeit einen Familienbetrieb für Fleischerei-Zubehör führten, wurden am 27. Oktober 1941 von dort zusammen mit weiteren 1005 Männern, Frauen und Kindern deportiert. Der Vater von Arthur Cohen kam am 21. Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt, wo er eine Woche später starb. Seit Februar gibt es in einem Teil des Schlachthofs den Erinnerungs- und Gedenkort, wo Margot Goldberg über die Geschichte ihrer Familie sprechen wird. Vor Ort hängen auch Fotos ihrer Eltern.

"Es ist wichtig, dass die Leute verstehen, dass diese schrecklichen Sachen wirklich passierten", sagt Goldberg, die drei Kinder hat. Deswegen wird die 90-Jährige erneut aus Kalifornien anreisen (nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wanderte sie wie ihr Bruder Walter in die USA aus). Schon 2010 war sie nach Düsseldorf gekommen, um im Rathaus an die Reichspogromnacht zu erinnern, in der 1938 auch in Düsseldorf die Synagoge brannte. An die Nacht des 9. Novembers kann sich Goldberg, die sich nach dem Krieg bei der US-amerikanischen Armee verpflichtete und eine Zeit lang als Übersetzerin arbeitete, sehr gut erinnern: Die Gestapo verhaftete ihren Vater und ihren fast 80 Jahre alten Großvater Isaac Cohen. Wie fast alle jüdischen Männer der Gemeinde wurde Arthur Cohen in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. "Ich saß drei Tage lang am Fenster in unserem zerstörten Haus, habe nicht geschlafen und nicht gegessen, und auf meinen Vater gewartet", sagt sie. Als der Vater sechs Wochen später zurückkam, sei er sehr krank und mager gewesen. Das KZ hatte er erst verlassen dürfen, nachdem er zugesichert hatte, das Land auf schnellstem Wege zu verlassen. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Denn ihren Sohn Walter hatten die Cohens zwar schon 1938 mit einem Kindertransport nach England schicken können, ein Jahr später auch Tochter Margot. Als sie selbst aber im Herbst 1941 alle Papiere für eine Emigration in die USA zusammen hatten, wo sie Verwandte hatten, verbot die Reichsregierung Juden die Ausreise.

Mit Düsseldorf verbindet Margot Goldberg aber nicht nur traurige, sondern auch schöne Erinnerungen: "Wir hatten so viele Onkel und Tanten, Groß-Onkel und -Tanten und Vetter. Wir waren oft sonntagnachmittags bei uns zu Hause." Ihr Großvater sei für seine Großzügigkeit (vor allem gegenüber seinen Mitarbeitern) bekannt und ein respektierter Mann gewesen: "Alle Radschläger haben auf der Königsallee auf ihn gewartet, wenn wir am Samstag nach dem Synagogen-Besuch an ihnen vorbeispazierten, weil sie wussten, dass er ihnen etwas Geld geben würde." Nach ihrer Flucht 1939 habe sie sich dann oft einsam und nicht zugehörig gefühlt. "Plötzlich hatte ich keine Eltern und Großeltern, keinen Bruder oder Freunde und war in einem fremden Land, in dem die Leute mich oft nicht besonders gern hatten. Nachts, wenn ich alleine und oft hungrig war, habe ich viel geweint."

Ihr Vater habe Düsseldorf immer geliebt: "Daher weiß ich, dass es ihn freuen würde, wenn er wüsste, dass ich zurückkomme."

Quelle: RP
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