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Flingern
Spiel mit farbiger Spur

Flingern. Künstlerin Frauke Ratzke lädt Kinder und Erwachsene zum Malspiel ein. In einem geschützten Raum entsteht so ein interkulturelles und generationenübergreifendes Angebot. Von Sven-André Dreyer

Konzentriert taucht Yusra ihren Pinsel in die Schale, die ihre eigene Farbmischung enthält. Ein wenig rot sei darin, erklärt die Siebenjährige, ein wenig grün und auch ein bisschen gelb. Yusras Kittel ist bereits mit Farbklecksen gezeichnet, und auch ihre Hände sind farbgesprenkelt. Dann zieht sie eine feine Linie, die später einen Teil des Gefieders eines Vogels ausmachen wird, gleich daneben ist der Ansatz eines Vogelnestes zu erkennen. "Ich male häufig Vögel", sagt Yusra, "denn ich mag Vögel."

Bereits seit elf Monaten besucht das Mädchen gemeinsam mit seiner Mutter Esra Sentürk (35) und den Geschwistern Amira (11) und Esad (8) den Malort, ein Atelier an der Hermannstraße 36 in Flingern. Hier, in dem gut 20 Quadratmeter großen, fensterlosen Raum mit einer hohen Stuckdecke, treffen sich mehrmals wöchentlich Gruppen mit bis zu 15 Personen jeden Alters zum sogenannten "Malspiel", um ohne jegliche Vorgaben und frei von Bewertungskriterien zu arbeiten. Dabei bietet der in der Mitte stehende Tisch den Malenden alles, was sie brauchen: Pinsel in verschiedenen Stärken sowie 18 unterschiedliche Farben. Mischt man diese nach eigenen Vorstellungen, so entstehen unzählige neue Farbkombinationen, die auf die an die Wände gepinnten, 50 mal 70 Zentimeter großen weißen Papierbögen aufgetragen werden können. "Spielerisch wird über das Malen eine Förderung der individuellen Entwicklung und ein respektvolles Miteinander angestrebt", sagt Frauke Ratzke (50), studierte Bildhauerin und Gründerin des Vereins Malort. Erleben und Freude stünden im Vordergrund, nicht aber das Ergebnis.

Das Besondere: Um die Spontanität nicht zu beeinflussen oder gar zu stören, muss sich der Malende weder um die Farben, noch um das Aufhängen eines neuen Papierbogens kümmern; diese Aufgaben übernimmt Ratzke. Überdies werden die Bilder nach Fertigstellung weder in der Gruppe noch von Ratzke kommentiert oder bewertet. Und noch etwas ist außergewöhnlich: Damit weder Leistungsdruck noch ein Kreislauf aus Lob, Erwartung und Kritik entstehen, verbleiben die Bilder im Malort und werden dort archiviert. Mehrere tausend Bilder sind so seit Vereinsgründung im Jahr 2013 zusammengekommen.

Die Idee des Malorts basiert auf den Erkenntnissen des 1924 geborenen Pädagogen Arno Stern. Der arbeitete 1946 in einem Heim für Kriegswaisen. Sein Auftrag schien zunächst profan: Er sollte die Kinder beschäftigen. Stern ließ sie kurzerhand malen und entdeckte dabei, dass die Kinder gerade aufgrund fehlender Anleitung und Bewertung eine eigene Kreativität, einen eigenen Ausdruck entwickelten.

Bis heute dauert das auf Stern zurückgehende Angebot einer Malstunde 90 Minuten. "Während dieser Zeit ,spielt' das Kind oder der Erwachsene und genießt einzig seine Spur", sagt Ratzke. Absichtslos und ohne Spekulation auf eine Wirkung, wie es Stern formulierte. Für eine Teilnahme an dem Angebot seien daher weder Vorkenntnisse noch eine besondere Begabung notwendig, so die Künstlerin. Oft entfalte sich die gelöste Haltung erst nach einigen Monaten, häufig werde erst dann die unbewusste Ebene der Akteure erneut freigelegt. Ist diese für die Teilnehmer aber wieder zugänglich, so können sich diese bei der Arbeit entspannen. "Auch für mich ist das Malen eine große Befreiung", sagt Yusras Mutter Esra Sentürk." Hier gibt es einfach keine Maßstäbe, kein richtig oder falsch."

Quelle: RP
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