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Friedrichstadt
Der schwierigste Moment des Lebens

Friedrichstadt: Der schwierigste Moment des Lebens
Julia Bachmann und Aykan Bacaksoy engagieren sich im Jugendzentrum Puls in Friedrichstadt. FOTO: Hans-Jürgen Bauer.
Friedrichstadt. Im schwul-lesbischen Jugendzentrum Puls finden junge Menschen Unterstützung. Von Oliver Burwig

Julia Bachmann ist überall geoutet. Das heißt, in der Schule, im Freundeskreis und ihrer Familie weiß jeder, dass die 17-Jährige lesbisch ist. "Ich gehe nicht zu jedem hin und erzähle das. Wenn jemand fragt, bin ich aber ehrlich", sagt sie. Zwei Jahre habe sie gebraucht, ehe sie es zunächst ihren engsten Freunden und später den Eltern sagte. Heute fällt es ihr nicht mehr schwer, ehrlich zu sein - dank der Unterstützung, die sie in den Mitarbeitern und neuen Freunden im "Puls" fand. "Ich bin viel selbstbewusster geworden, seit ich hier bin", sagt Julia.

Vor knapp zwei Jahren stand sie zum ersten Mal auf der Schwelle des Jugendzentrums. "Ich habe bestimmt eine halbe Stunde auf der anderen Straßenseite gestanden, bis ich mich getraut habe", erinnert sie sich. Der ungezwungene Umgang mit anderen Jugendlichen im Haus zog sie an. Seit dem vergangenen Jahr engagiert sie sich auch in den Projekten des Zentrums.

"Wir kapseln uns hier nicht ab, jeder ist willkommen", sagt sie über die offene Einstellung im "Puls". Zudem nutze das Zentrum alle Möglichkeiten, um in die Öffentlichkeit zu treten. Gruppenfahrten zum Bundestag, Sommercamps, offene Grillabende zeugen vom Wunsch, wahrgenommen zu werden - nicht als hauptberufliche Homosexuelle, sondern als in die Gesellschaft integrierte Menschen.

"Die Leute haben keine Angst vor uns", sagt Aykan Bacaksoy vom "Puls". Die Stadt stehe hinter dem Jugendzentrum, wie auch ein Besuch des Bürgermeisters Günter Karen-Jungen (Grüne) zeigte. Für Jugendliche sei es wichtig, eine geschützte Umgebung zu haben, um Gleichgesinnte kennenzulernen. "Nicht nur im Internet oder irgendwelchen komischen Bars", betont Bacaksoy. Mit Begriffen wie Akzeptanz und Toleranz kann er nicht viel anfangen: "Wir sprechen von Respekt." In Schulen sei "schwul" noch immer eines der beliebtesten Schimpfwörter. In solchen gesellschaftlichen Details zeige sich der Stand der Aufklärung. "Wir brauchen mutige Vorbilder", sagt Bacaksoy. Auch Julia wurde zum Vorbild: Eine Schülerin ihres Jahrgangs traute sich kurz nach ihr, sich zu outen. Auf ihr Engagement im "Puls" ist Julia stolz: "Ich freue mich, wenn ich anderen Menschen helfen kann."

Quelle: RP
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