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Serie Düsseldorfer Geschichten
Von Kufen und Kunsteis

Düsseldorf. 1935 wurde das Eisstadion an der Brehmstraße eröffnet. Viele Jahre war es Spielstätte der DEG. Irgendwann blieb die Zeit dort stehen. Von Nicole Scharfetter

An die Russen kann sich Hans Kasper noch gut erinnern. Sofort fallen ihm die Namen von Wladimir Petrow und Wladislaw Tretjak ein, von Juri Jewgenjewitsch Ljapkin und Waleri Borissowitsch Charlamow. Namen, die heute vermutlich nur noch den wenigsten ein Begriff sind. Hans Kasper aber verbindet ein Stück Geschichte mit ihnen, mit diesen Namen hat er in den 70ern gutes Geld verdient. "Ich habe den Service für die Russen gemacht", sagt er. "Bei der Eishockey-Weltmeisterschaft, die 1975 in Düsseldorf und München stattfand."

Bezahlt haben ihn die Sowjets nicht mit Geld. Sie haben die Rechnung mit ihren Namen beglichen, vielmehr mit ihren Autogrammen, die sie auf die Schläger kritzelten und Hans Kasper zum Dank für die gute Betreuung schenkten. "Die hab' ich dann verkauft", sagt der heute 75-Jährige. Eishockey-Weltmeister ist die UdSSR damals geworden, "da haben die Schläger richtig was eingebracht."

Auch heute ist das Eisstadion an der Brehmstraße noch Treffpunkt für viele Düsseldorfer Hobby-Schlittschuhläufer. FOTO: andreas Bretz

Vor 51 Jahren ist Hans Kasper aus dem Sauerland nach Düsseldorf gekommen. Wegen der Liebe. Das Zooviertel, die Brehmstraße und das Eisstadion sind zu seinem Zuhause geworden, dort hat er sich sein Leben aufgebaut, eine Familie gegründet. Und alles, was Kasper erlebt hat, steht irgendwie in Verbindung mit dem Eisstadion. Er kennt das Eisstadion an der Brehmstraße besser als die meisten Düsseldorfer, er hat noch die Bilder vor Augen, als das Stadion kein Dach hatte. "Damals waren wir mit dem Laden noch auf der anderen Straßenseite", erzählt Kasper, der seit den 60ern das Schlittschuhfahren für viele Menschen möglich macht. Er verleiht und schleift die Schuhe, das ist sein Geschäft.

Eröffnet wurde das Eisstadion, lange bevor Hans Kasper nach Düsseldorf kam. Der Verein Freiluft-Kunsteisbahn Düsseldorf mit dem Generaldirektor Ernst Poensgen baute es 1935. Ein Projekt, an das viele Erwartungen gestellt wurden. Immerhin war das Düsseldorfer Eisstadion nach Berlin und München das dritte in Deutschland und die achte Eissportstätte in Europa. Kurz nachdem Richtfest im September 1935 gefeiert wurde, gründete Poensgen gemeinsam mit Düsseldorfer Stahlindustriellen die Düsseldorfer Eislauf-Gemeinschaft - die DEG. Schon nach den ersten Spielen an der Brehmstraße brach in der Stadt eine Eishockey-Euphorie aus.

1935 werden die Tribüne und die Kunsteisbahn an der Brehmstraße gebaut. Im gleichen Jahr wird das Eisstadion eröffnet. FOTO: Stadtarchiv Düsseldorf

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Stadion komplett zerstört, das Interesse an Eishockey und Schlittschuhlaufen der Düsseldorfer war aber ungebrochen. 1949 wurde die erste der beiden Eisbahnen wieder aufgebaut, zusätzlich errichtete die Stadt, in deren Besitz das Eisstadion seit 1938 war, Tribünen an Nord-, Ost- und Südseite. Mit der Vergabe einiger Spiele der Eishockey-Weltmeisterschaft 1955 an die Brehmstraße, wurde auch die zweite Eisbahn wieder in Betrieb genommen. Und als Spiele der WM 1975 in Düsseldorf ausgetragen wurden und die Stars aus Kanada und den USA und Schweden kamen, bekam das Eisstadion schließlich ein Dach. Die Brehmstraße wurde zu einem legendären Ort. Mit Fans, die minutenlang applaudierten und Wunderkerzen abbrannten, wenn ihre Jungs einliefen, und die Sitzkissen mit der Schlusssirene aufs Eis warfen, um die Jungs zu verabschieden.

"Früher war hier richtig was los", sagt Hans Kasper. Zwei Stunden vor Anpfiff seien die Leute zur Brehmstraße gekommen, "sie bebten, und die Luft knisterte", sagt Kasper. Er verpasste kaum ein Spiel der DEG. Vor allem in den 90ern, als sein Sohn Oliver DEG-Stürmer war. Fotos vom Team und den Meisterschaften hängen noch heute im Schlittschuhverleih; stolz erzählt Kasper von Ollis Talent und seinen Erfolgen. Er selbst habe auch Eishockey gespielt, nicht gut genug für die Profis, aber so gut, dass er erst mit 70 Jahren den Schläger in die Ecke stellte. "Heute gehe ich nur noch Schlittschuhlaufen", sagt Hans Kasper.

In blauen Lettern leuchtet "Eissport Kasper" über dem Schlittschuhverleih. FOTO: Bretz Andreas

Wehmütig denkt der 75-Jährige zurück an die Brehmstraßen-Ära - vor 40, 50 Jahren, als in der Eishockey-Saison tausende Zuschauer kamen zu den Spielen, und er Fan-Shirts in seinem Schlittschuhverleih verkaufte. "Seitdem ist nicht mehr viel passiert in diesem Stadion", sagt Kasper. Der Eingang mit der blauen Schrift darüber und der grau betonierte Vorraum sehen noch immer so aus wie damals. Und noch immer werden die Papier-Eintrittskarten von Hand abgerissen, bevor es reingeht. 2006 machten die DEG-Profis ihr letztes Spiel an der Brehmstraße, seitdem ist der ISS-Dom Austragungsstätte. Mit der 72 Millionen Euro teuren Eishalle kann die Brehmstraße nicht mehr mithalten. "Ein Büdchen fehlt oder ein Pommesstand", findet Kasper.

Dabei hat die Brehmstraße so viel zu bieten, "hier ist man viel nährer dran an den Spielern als im Dome", sagt Eismeister Martin Ullmann. Seit zehn Jahren kümmert er sich mit seinen Kollegen um die Technik, die Wartung, die Reinigung. "Die Stimmung wäre sicher cool, wenn das Stadion bei einem Junioren-Spiel mal ausverkauft wäre", sagt er. 300 bis 400 Leute würden zuschauen beim Nachwuchs, Platz gibt es für 10.000. "Viele Düsseldorfer wissen das Stadion nicht mehr zu schätzen", sagt Ullmann. Dabei investiert die Stadt regelmäßig, 2014 wurde die zweite Eisbahn neu gebaut, zuletzt sei für 1,5 Millionen Euro eine moderne Kälteanlage installiert worden. Immerhin gibt es noch jene, die zum Schlittschuhlaufen kommen. Die das Eisstadion so mögen, wie es ist. Miriam Hoffmann zum Beispiel hat mit ihren beiden Töchtern Johanna (9) und Ronja (12) in dieser Woche die Eislauf-Saison eingeläutet. Für die Familie bedeutet Eislaufen an der Brehmstraße immer auch ein Stück Winter, "bei uns schneit es ja nie", sagt Ronja, die ihre eigenen Schlittschuhe mitgebracht hat. Manchmal schauen sie trotzdem vorbei im Schlittschuhverleih von Hans Kasper. So wie der fünf Jahre alte Marley, dessen Kufen einen neuen Schliff brauchen.

Und für die Besucher, die keine eigenen Schlittschuhe haben, hat Kasper sportliche Exemplare im Angebot, mit bunten Plastikschnallen, und klassische weiße, aus Leder, mit Schnürsenkeln. Für ihn ist der Verleih neben dem Eisstadion mehr als nur Arbeit. Deswegen will Kasper auch nie in Rente gehen. "Das Eisstadion ist mein Leben", sagt er.

Quelle: RP
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