| 00.00 Uhr

Serie So Klingt Düsseldorf
Wohlige Klänge in mäßig temperierten Kirchen

Serie So Klingt Düsseldorf: Wohlige Klänge in mäßig temperierten Kirchen
Es ist ruhig und wird langsam kälter: Der Besuch eines Orgelkonzertes in der Kirche St. Andreas ist nicht nur musikalisch ein besonderes Erlebnis. FOTO: Endermann
Altstadt . Orgelkonzerte gibt es reichlich in der Stadt, viele Gemeinden bieten sie regelmäßig an. Wird es da eigentlich voll? Wer sind die Gäste? Ein Besuch. Von Nicole Lange

Gemütlicher als draußen ist's allemal. Mag man auch lamentieren über kalte Kirchen: Wenn an einem frostigen Nachmittag der Altstadt-Bummler allmählich vom Dauerniesel durchnässt und vom Wind angemessen ausgekühlt ist, bietet ein Gotteshaus nicht nur atmosphärisch, sondern auch schnöde klimatisch eine wärmende Zuflucht. Erst recht, wenn's Programm gibt - wie die Orgelkonzerte in der katholischen Kirche St. Andreas. 20 Minuten vor Beginn füllt sich die Kirche in der Altstadt. Wenige Besucher sind allein, viele zu zweit, unter 30 ist kaum einer. Jedes Paar besetzt eine eigene Bank - genug Platz ist dafür, etwas weniger als 50 Menschen sind da. Oft sei es deutlich voller, sagt Pater Elias Füllenbach, der die Orgelsonntage als "lange Tradition mit sehr unterschiedlichem Publikum" beschreibt.

Viele sind aber Stammgäste, die fast jede Woche kommen. Sie kennen den freundlichen Helfer am Eingang, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, aber jeden an der Tür anspricht: "Sie wollen in das Konzert?" Wer verneint, wird mit sanfter Strenge belehrt, dann könne er jetzt nicht hereinkommen. Wer nickt, erhält nicht nur ein zustimmendes Lächeln, sondern auch das Programm des Tages. Das kündigt diesmal Peer-Konstantin Schober an, eigentlich Kirchenmusiker in der (evangelischen!) Kirchengemeinde in Heerdt. Das Programm, das er zusammengestellt hat, ist festlich. Mit einer Suite englischer Weihnachtslieder - wie "I saw three Ships" und "On Christmas night" - fängt er an, und das letzte leise Flüstern verstummt sofort. Weil sich Organist und Orgel über und hinter den Zuschauern (und damit außer Sicht) befinden, schweifen die Blicke in alle Richtungen. Einige sehen unverwandt nach vorne, wenngleich sich im Altarraum nichts bewegt bis auf das flackernde Licht der Kerzen. Andere lassen den Blick schweifen, wie die Frau mit dem großen Rucksack, die als Letzte hereingehuscht ist und sich schnell noch in die hinterste Bank geschoben hat. Wieder andere halten die Augen geschlossen, lauschen konzentriert Dom Paul Benoits "Noël original avec 6 variations".

Ein junger Mann filmt von der ersten Note an mit seinem Smartphone - und er will nicht nur den Ton. Ausdauernd hält er die Handykamera auf den Alterraum gerichtet, nimmt mit ruhiger Hand das gleichbleibende Bild von Kreuz und Kerzen auf. Minute um Minute. Er wird Gründe haben. Unterdessen offenbart sich auch, warum die Besucher wohlweislich die Mäntel anbehalten haben und viele noch ihre Mützen tragen. Denn nach 15-minütigem Stillsitzen ist "wärmer als draußen" nicht mehr das Gleiche wie warm. Eine Frau rutscht näher an ihren Begleiter, eine andere zieht das Halstuch enger. Still bleibt es trotzdem. Nur einmal kommt Unruhe auf, als eine ältere Besucherin mühsam aufsteht, mit ihrem Rollator zum Ausgang strebt. Die Tür öffnet sich knarzend, aber wer innerlich zuckt, lässt sich nichts anmerken. Ebenso wenig wie das erst milde, dann wachsende Unbehagen, das das Sitzen auf harten Kirchenbänken verursacht. Der hochgewachsene Mann, der eben etwas tiefer in seine Bank gerutscht ist, schiebt sich vorsichtig wieder nach oben. Schließlich beugt er sich einfach nach vornüber, stützt den Kopf in beide Hände und hört in dieser Position, wie mit Charles Quefs "Trois pieces op.4" das Konzert endet. Kurze Stille, dann Beifall.

Kein Zuschauer geht, ohne am Ausgang eine Spende abzugeben. "Ein tolles Konzert", sagen die meisten zu Pater Elias. Dann kommt Organist Schober dazu, lächelnd, gelöst. Die Orgel - er hat hier zum ersten Mal gespielt - hat ihm gefallen, sagt er: "Ein schöner Klang, passt gut in den Raum." Freilich, wenn man selbst spiele, höre es sich zuweilen gut an, während es den Zuhörern schon viel zu laut werde, sagt er, und lässt den Satz wie eine Frage klingen. Nein, war es nicht. Es war wunderbar!

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie So Klingt Düsseldorf: Wohlige Klänge in mäßig temperierten Kirchen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.