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Duisburg
Der Mann der "Stolpersteine"

Duisburg: Der Mann der "Stolpersteine"
Hier verlegt Gunter Demnig einen Stolperstein an der Landwehrstraße 21 in Ruhrort. Der Messingstein erinnert an Fritz Kaiser, Lehrer und Vorsitzender des jüdischen Jugendbundes, der von den Nazis ermordet wurde. FOTO: Andreas Probst
Duisburg. Der Künstler Gunter Demnig war zu Gast in Hochfeld und sprach dort über seine rund 57.000 verlegten Mahnmale aus Messing, die in 1100 Orten Deutschlands und 20 Ländern Europas ins Trottoir eingelassen liegen. Von Olaf Reifegerste

Die Aktion selbst, sagte Gunter Demnig gleich zu Beginn der Veranstaltung "Thekenlatein" in der Traditionskneipe "Alt Hochfeld", sei vom Anlass her zwar kein Grund zum Feiern, doch jeder einzelne verlegte Stein erfülle ihn mit Freude und Genugtuung. Und was ihn fast am meisten freue, sei die Entwicklung, dass das Interesse von Jugendlichen an der Verlegung seiner "Stolpersteine" mehr und mehr wachse. Diese Anteilnahme und auch das an den Tag gelegte Engagement - so übernehmen inzwischen viele Schüler sogenannte Pflege-Patenschaften für seine "Stolpersteine" - mache ihn zuversichtlich, dass so etwas wie die strategisch-planvolle Ermordung Millionen von Menschen im Land der Dichter und Denker sich niemals wiederholen werde. Besonders im Ohr habe er dabei den Satz eines Hauptschülers, der bei einer öffentlichen Verlegeaktion sagte: "Man stolpert hierbei mit dem Kopf und dem Herzen."

Demnig (Jahrgang 1947) war der Einladung von Dr. Michael Willhardt, dem Vorstandssprecher des Vereins "Zukunftsstadtteil", nach Hochfeld gefolgt, der ihn Anfang der 1980er Jahre in Kassel in der Galerie Harry Kramer kennenlernte. Zu dieser Zeit begann Demnig dort ein Kunststudium an der damaligen Kunstakademie bei eben jenem Professor für Bildhauerei, dem besagten Harry Kramer.

Demnig wuchs in Nauen (Brandenburg) und Berlin auf und begann nach dem Abitur ein Studium der Kunstpädagogik an der damaligen Hochschule für Bildende Künste in Berlin. 1971 setzte er dieses in Kassel fort und schloss es mit dem Ersten Staatsexamen ab. Bis zu seinem Weggang aus Kassel 1985 war er künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Kunst der Universität Kassel. Dann zog es ihn nach Köln, wo Demnig noch heute lebt und arbeitet.

Die Idee, "Stolpersteine" als Messing-Mahnmale künstlerisch zu kreieren, erzählte der Künstler, reifte in der Zeit 1993/1994. 1996 schuf er die ersten (damals noch illegal verlegten) "Stolpersteine" in Berlin und Köln. In Berlin habe es sechs Jahre lang gedauert, bis in allen Stadtbezirken "Stolpersteine" von ihm zu finden waren. Dort befinden sich derzeit etwa 6000 Kunst- und Gedenkwerke, in Hamburg sind es zirka 5000, in Köln um die 2000 und Frankfurt bringt es auf rund 1000 "Stolpersteine". In Duisburg, so schätzte Demnig, seien es etwa 400 verortete Exponate. Angefangen hat es hier einst am Osteingang des Hauptbahnhofs, als Demnig im Rahmen der Jüdischen Kulturtage 2002 zusammen mit Schülern des Sophie-Scholl-Berufskollegs ein großes "Stolpermosaik" gemeinsam verlegte.

Auf die Frage aus dem Publikum, ob seine "Stolpersteine"-Aktion denn nur Freunde habe, antworte er hintersinnig: "Das wäre schon merkwürdig. Denn wenn das Projekt allen gefallen würde, dann hätte ich etwas falsch gemacht." Und in der Tat sind im Laufe der Zeit von den insgesamt etwa 57.000 verlegten Steinen 300 Exponate beschmiert, herausgerissen, zerstört oder entwendet worden. Doch diese würden immer zeitnah ersetzt. Manchmal geschehe Erstaunliches, etwa in Greifswald. Demnig: "Als in der Nacht zum 9. November einmal elf Steine geklaut wurden, sind diese nicht nur erneuert worden, sondern es kamen noch weitere hinzu. Jetzt gibt es dort sogar 36 Steine. Damit haben die Täter wohl nicht gerechnet."

Die Reihe "Thekenlatein. Gespräche & Kultur am Tresen" gibt es seit zwei Jahren und wird dreimal jährlich jeweils im März, Juli und November vom "Institut für Migration und Quartiersentwicklung" in Zusammenarbeit mit dem Verein "Zukunftsstadtteil" veranstaltet.

Quelle: RP
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