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Duisburg
Der Ring des Weisen

Duisburg. "Nathan"-Lesung mit Wolfgang Hinze im Verein für Literatur und Kunst. Von Olaf Reifegerste

Im Jahr 1779 schrieb Gotthold Ephraim Lessing das Drama "Nathan der Weise" mit der berühmten Ringparabel. Wie aktuell das Werk ist, unterstrich jetzt Schauspieler Wolfgang Hinze mit seiner Bibliothekslesung beim Verein für Literatur und Kunst im Stadtfenster. Es wurde ein grandioser Abend, und das Publikum goutierte diesen respektvoll mit großem Beifall.

Nach Schiller ("Don Carlos") und Goethe ("West-östlicher Divan") wagte sich Wolfgang Hinze nun an Lessing, den ältesten der drei großen deutschen Dichter. Doch wie lesen wir heute dieses Werk? fragte sich der in München lebende Schauspieler. Und so verpasste Hinze "Nathan" seine eigene gut zwei Stunden mit Pause dauernde Fassung. Hinze hat das Original geschickt gekürzt und liest dialogisch alle Figuren.

"Nathan der Weise" ist ein "Dramatisches Gedicht in fünf Aufzügen", so hat es Lessing einst genannt. Es ist ein Werk über Humanismus, Toleranz und Aufklärung. Der Inhalt der insgesamt 41. Auftritte ist komprimiert erzählt dieser: Der Jude Nathan hat vor vielen Jahren ein christliches Waisenkind angenommen und als seine Tochter Recha aufgezogen. Bei einem Brand wird diese von einem christlichen Tempelherrn gerettet. Im Verlauf der Handlung wird enthüllt, dass der Tempelherr Rechas verschollener Bruder ist.

Beide wiederum sind Kinder von Assad, dem Bruder des Sultans Saladin. Als Nathan einmal Saladin begegnet, fragt dieser ihn, welche Religion denn die wahre sei: das Christentum, das Judentum oder der Islam. Nathan antwortet mit der berühmt gewordenen Parabel von den drei Ringen, die einander so gleichen, dass sie in ihrem Wert nicht zu unterscheiden seien. So solle man auch keiner Religion den Vorzug geben. Diejenige sei die beste, heißt es dazu im Text, die mit den anderen am heftigsten in der von "Vorurteilen freien Liebe" wetteifere.

Der mittlerweile 80jährige Hinze hat an nichts von seiner Ausstrahlung und Präsenz verloren, wenn er die (Lese)Bühne betritt. Höchst konzentriert, ruhig und souverän sitzt er mit seinem Manuskript in der Hand am Tisch. Kurz sich sammelnd beginnt er: "Er ist es! Nathan!" lässt er Daja sagen und sofort ergreift den Zuhörer der Eindruck, dieser "Nathan" wird keine Lesung im herkömmlichen Sinne, das hier wird ein Theater für die Ohren. Stimme, Mimik und Gestik reichen Hinze, um diesen Theatertext zum Hör-Spiel werden zu lassen.

Hinze war an einer Vielzahl bedeutender deutschsprachiger Theater engagiert, zuletzt am Bayerischen Staatsschauspiel sowie an den Münchner Kammerspielen. Bekannt wurde er aber auch durch zahlreiche Fernsehspiele, darunter "Heinrich Heine - Die zweite Vertreibung aus dem Paradies" und die "Buddenbrooks".

In Duisburg ist Hinze ein häufiger, immer gern gesehener und gehörter Gast.

Quelle: RP
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