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Duisburg
Für 1500 Reichsmark gab es ein Pfund Kaffee

Duisburg: Für 1500 Reichsmark gab es ein Pfund Kaffee
Schwer vorstellbar, dass sich aus diesen wenigen Zutaten - vor allem aus Essig und Kaffeesatz - tatsächlich ein Kuchen herstellen lässt. FOTO: Christoph Reichwein (crei)
Duisburg im April 1945, US-Truppen besetzen Duisburg, der Krieg ist aus, in den Trümmern kämpfen und feilschen die Menschen um Brot, Kohlen und einen Schlafplatz. Der Krieg und die Hungerjahre - all das scheint nach 70 Jahren weit weg und für die jüngere Generation unvorstellbar. Von Harald Küst

Von den Wohnungen der Stadt war jede dritte total zerstört. Auf den Straßen und Grundstücken lagen fünf Millionen Kubikmeter Schutt. Gesprengte Brücken, zerstörte Gebäude und Industrieanlagen, geborstene Wasser- und Gasleitungen, defekte Stromkabel und unterbrochene Telefonverbindungen, dazu der akute Mangel an Lebensmitteln, an Brennstoff, Bekleidung, Medikamenten und vor allem Wohnraum ließen den Wiederaufbau unmöglich erscheinen.

Duisburg hatte zum Zeitpunkt der Besetzung der Stadtmitte durch die amerikanischen Truppen im April nur noch 141 000 Einwohner. Sechs Monate zuvor waren es noch 280 000 gewesen. Nach den schweren Bombenangriffen in den letzten Kriegsmonaten waren die Menschen aufs Land geflüchtet. Sie kehrten nun in eine Ruinenlandschaft zurück. Gleichzeitig strömten Vertriebene und Flüchtlinge in die Stadt.

Im Juni 1945 lösten die Briten die US-Truppen ab. Die Nahrungsmittelversorgung war desolat. Die Mangelverteilung erfolgte über Lebensmittelkarten. Die Kalorienzahl lag je nach Zuteilungsperiode zwischen 1010 und 1560. Wohl niemand ahnte 1945, dass es zwei Jahre später noch schlimmer kommen sollte. Wer satt werden wollte, war auf zusätzliche Nahrungsquellen neben der amtlichen Zuteilung angewiesen. Hamsterfahrten gehörten zur Normalität. Ganze Scharen von Duisburgern hackten abgeerntete Äcker um, um hier und da noch eine Kartoffel zu finden. Gartenland mit Nutzpflanzen und die Haltung eines Hausschweins, einer Ziege oder von Hühnern und Kaninchen bewahrten in mancher Arbeitersiedlung Menschen vor dem Verhungern. 1947 wurde dann zum schlimmsten Hungerjahr. Wochenlang gab es kein Fett, kein Gemüse, kein Mehl, kein frisches Fleisch zu kaufen. Wer nicht "organisieren" konnte, blieb auf der Strecke.

Auf dem Schwarzmarkt am Marientor war buchstäblich alles zu haben, und nicht selten handelte es sich um Diebesgut: Butter, Eier, Speck, Fleisch, Kaffee (das Pfund für 1500 Reichsmark). Zigaretten und schwarz gebrannter Schnaps wurden zur Ersatzwährung.

Die immer häufiger in britischen Tageszeitungen erscheinenden Reportagen und Kommentare über das Elend führten dazu, dass sich auch bei den Politikern in den USA und England die Erkenntnis allmählich durchsetzte, dass eine hungernde Bevölkerung dem Kommunismus in die Arme laufen könnte. Westdeutschland wurde als Verbündeter im Kalten Krieg gebraucht und amerikanische Familien stifteten Care-Pakete. Gleichzeitig kam bei den Alliierten auch der Widersinn der Demontage in die öffentliche Diskussion.

Vor allem US-Parlamentarier befürchteten, dass ein ökonomisch schwaches Deutschland dauerhaft auf Subventionen angewiesen sein könnte. Die nüchterne Kalkulation lautete: Eine exportstarke deutsche Industrie senkt die finanzielle Belastung der Alliierten. Die Demontage Liste der Alliierten wurde daher nicht im geplanten Umfang umgesetzt. Tatsächlich gewann die Funktionsfähigkeit von Wirtschaft und Verwaltung an Dynamik und damit auch die Umsetzung der Wiederaufbauprogramme (Marschall-Plan). Die Idee der sozialen Marktwirtschaft von Ludwig Erhard hatte die planwirtschaftliche Lenkung der Wirtschaft nach dem 2. Weltkrieg abgelöst.

Den entscheidenden Impuls lieferte dann die Währungsreform am 20. Juni 1948. Aufgeregt und erwartungsvoll begaben sich die Duisburger zu den Geldumtauschstellen, wo jeder Bürger gegen Vorlage des Personalausweises für 40 RM 40 DM erhielt.

Die Überraschung war bereits am Montag perfekt: Die Käufer fanden plötzlich in den Geschäften volle Regale vor. Mit dem Tag der Reform hatte das Päckchen "Camel" oder "Lucky Strike" als Währung ausgedient, der Schwarzmarkt brach zusammen.

Arbeiten lohnte sich wieder. Zwar stiegen die Arbeitslosmeldungen beim Arbeitsamt wieder an. Was aber oft vergessen wird: Die Arbeitslosigkeit war schon 1948 im Ruhrgebiet deutlich niedriger als in Bayern, Schleswig-Holstein oder Niedersachsen. Die Erwerbspersonenzahl lag Ende 1949 in Duisburg bereits bei 151 790. Kohle und Stahl wurden die Motoren des Wiederaufbaus. Ab 1952 gingen dann auch die Arbeitslosenzahlen zurück. Es ging aufwärts in Duisburg.

Quelle: RP
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