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Duisburg
Gerechtigkeit statt Rache

Duisburg: Gerechtigkeit statt Rache
Die erste Stunde der Bochumer Inszenierung sitzen oder stehen alle sieben Darsteller auf der Vorderbühne vor einer aus langen Holzbohlen vertikal angeordneten großen Trennwand. Dieses Kapitel erinnert in Form und Inhalt an eine Rede an das Volk. Danach öffnet sich eine Seite der dreiteiligen Wand und bildet eine schräge Gasse in die Tiefe der Bühne. FOTO: theater
Duisburg. Die Orestie des Aischylos des Schauspielhauses Bochum besticht durch Regie- und Ensembleleistung. Das Thema des Stückes kann aktueller kaum sein: Es geht um Versöhnung statt Vergeltung als Fundament der abendländischen Kultur. Von Olaf Reifegerste

Großes Sprech- und Regietheater bot das Schauspielhaus Bochum mit ihrem Doppelgastspiel "Die Orestie" Mitte der Woche in Duisburg. Das Thema des Stückes, das die Bochumer im Gepäck hatten, kann derzeit wichtiger nicht sein: Es geht um Versöhnung statt Vergeltung als Fundament der abendländischen Kultur. Das leider nur mäßig besuchte Duisburger Theater bedankte sich dafür beim blendend aufgelegten Schauspielensemble aus Bochum mit einem kräftigen Applaus.

"Die Orestie" des Aischylos hat derzeit allem Anschein nach Konjunktur. Denn sie steht in dieser Spielzeit allein in unmittelbarer Umgebung von Duisburg gleich zweifach auf dem Spielplan angrenzender Bühnen: zum einen in Düsseldorf und zum anderen in Bochum. Beide Inszenierungen basieren in ihrer Textfassung auf einer Prosaübersetzung von Peter Stein, der 1980 in Berlin selbst eine "Orestie" inszenierte, und zwar als Zehn-Stunden-Aufführung. So lange aber dauert weder die Vorstellung in Düsseldorf noch in Bochum, denn beide sind unter zwei Stunden (ohne Pause) lang.

Die Düsseldorfer Regie sucht in dem antiken Drama weniger die göttliche als die menschliche Dimension und "holt den alten Aischylos-Text assoziativ in die Gegenwart, ohne eindeutige Deutungslinie", weiß die RP über die Düsseldorfer Premiere zu berichten. Die Bochumer Arbeit von Regisseurin Lisa Nielebock indes deutet das Stück klar politisch als Begründung für das westliche Wertesystem und seine Kultur. Die rund 2500 Jahre alte Tragödie deutet sie als eine Art Geburt des Abendlandes nach dem Motto: Vergebung statt Vergeltung und unserer Demokratie im Sinne von Rechtsstaat statt Willkür.

Aischylos, gewissermaßen der Erfinder der griechischen Tragödie, schafft mit seiner "Orestie" und dem darin behandelten Dauerkonflikt von Gewalt und Gegengewalt so etwas wie eine Zäsur der Zivilisationskultur. In der etwa um 458 vor Christus in Athen erstmals aufgeführten Trilogie, bestehend aus den drei Stücken Agamemnon, Choephoren und Eumeniden, opfert Agamemnon (gespielt von Werner Wölbern), der König von Mykene, auf seinem Weg in den Trojanischen Krieg, seine Tochter Iphigenie. Dafür tötet ihn seine Ehefrau Klytaimestra (Anke Zillich), nachdem dieser siegreich heimgekehrt war. Sie und ihr Geliebter Aigisthos (Marco Massafra) wiederum werden daraufhin von Sohn Orest (Dennis Herrmann) umgebracht.

Doch statt einer Fortsetzung der Gewaltspirale mit dessen Tod, beginnt eine Art Gerichtsverhandlung, in dessen Verlauf die Göttin Athene (Anna Hofmann) für Besonnenheit statt Vergeltung als Urteil über Orest plädiert, um den blutigen Kreislauf von Gewalt, Fluch und Rache zu durchbrechen.

Die erste Stunde der Bochumer Inszenierung sitzen oder stehen alle sieben Darsteller auf der Vorderbühne vor einer aus langen Holzbohlen vertikal angeordneten großen Trennwand. Dieses Kapitel erinnert in Form und Inhalt an eine Rede an das Volk.

Danach öffnet sich eine Seite der dreiteiligen Wand und bildet eine schräge Gasse in die Tiefe der Bühne. In diesem Teil des Stückes spricht Orest von seinen Tötungsabsichten seiner Mutter. Anschließend wandelt sich das Bild in einen Verschlag, bei dem man nicht genau weiß, in welcher Rolle beziehungsweise auf welcher Seite sich die Protagonisten befinden: als Beschuldigter, Angeklagter oder Gefangener oder als Ankläger oder Prozessbeobachter.

Der Schlussteil dann präsentiert sich im Zuschauerraum als Gerichtssaal, während die Bühne mittels der Stellwände zu einem angedeuteten Kerker umgebaut wird. "Gerechtigkeit statt Rache" ruft Athene schließlich aus, nachdem Orest freigesprochen wurde. Zu Klytaimestra sagt sie: "Du bist nicht besiegt" und bittet sie zugleich: "Zürne nicht weiter".

Ein großartiges Sprech- und Regietheater konnte Duisburg mit diesem Gastspiel aus Bochum für sich verbuchen. Regie, Bühnen- (Oliver Helf) und Kostümbild (Ute Lindenberg) als auch Licht (Andreas Bartsch) und Musik (Thomas Osterhoff) stellten sich bei dieser Arbeit ganz in den Dienst des Aischylos-Stein-Textes. Und das war gut so.

Quelle: RP
 
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