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Duisburg
"Ich schreibe, also bin ich"

Duisburg. Berndt Mosblech hatte als junger Mann in den 70er Jahren die "Literarische Werkstatt Duisburg" mitbegründet und machte selber als Literat Karriere. Nach einem Autounfall 1986 ist er querschnittsgelähmt. Nun publiziert er wieder. Von Peter Klucken

Seit den 70er Jahren war Berndt Mosblech so etwas wie "Duisburgs junger Literatur-Guru". 1971, er war damals gerade einmal 21 Jahre alt, gründete er zusammen mit Hildegardmarie Binder die "Literarische Werkstatt Duisburg". Seit 1972 betreute er für verschiedene Verlage fast 70 Publikationen meist junger Autoren. Aber auch eine so wichtige Lyrikerin wie Rose Ausländer (1901-1988) gehörte zu seinen "Klienten". Und natürlich veröffentlichte er selber zahlreiche Bücher. Dabei zielte er auf Leser, die sich auf assoziationsreiche Texte einlassen können. Kein Geringerer als der bekannte Lyriker Karl Krolow (1915-1999) gehörte zu Mosblechs Bewunderern: "Schöner kann lyrische Prosa nicht sein", schrieb er über Mosblechs Band "Türkischer Sommer". Dieses Buch enthält Texte, die auch als künstlerische Verbeugung vor den Menschen in der Türkei gelesen werden können; Menschen, die als Gastarbeiter in Deutschland nicht immer auf Gastfreundschaft stießen und stoßen, wie der Türkei-Besucher Mosblech beklagt. (Das Buch erscheint, wie Berndt Mosblech gestern berichtete, demnächst als Hörbuch.) Der große Bruch in Berndt Mosblechs Leben geschah durch einen Autounfall im Jahr 1986. Seitdem ist Berndt Mosblech querschnittsgelähmt und lebt in einem Duisburger Pflegeheim.

All das muss man wohl vorausschicken, wenn man die jüngst erschienene Publikation von Berndt Mosblech vorstellt. Sie heißt "Ich schreibe, also bin ich"; spielt auf Descartes berühmtes Credo an: Cogito ergo sum, ich denke, also bin ich. Schreiben ist für Berndt Mosblech eine Tätigkeit zur existenziellen Selbstvergewisserung. Wenn man das allerdings als versteckte Anspielung auf Mosblechs Schicksalsschlag verstehen will, dann scheint uns der Autor vor dieser Interpretation zu warnen. Der Band enthält nämlich nicht nur neue Texte, sondern auch solche, die Mosblech vor seinem Unfall geschrieben hatte. Und beim Vergleich fällt auf, dass der Tonfall und der Impetus zum "Dichten" (das Wort ist bei Mosblech angebracht) gar nicht so unterschiedlich sind.

Mosblech war und ist ein Beobachter, der beim Blick aufs Leben und die Welt ungewöhnliche Perspektiven sucht. Er beschreibt Kreatürliches, Gesten von Mitmenschen, Gefühle, die mit Alltagsworten nicht zu beschreiben sind, und gelegentlich auch Zeitereignisse.

Zum Beispiel: "9. November 1989 oder wir sind das Volk. - Das heißt: die Oben konnten nicht mehr, die unten

wollten nicht mehr.

Nach 28 Jahren fiel die Angstmauer.

Das heißt: Angst vor Unmenschen und Angst um Mitmenschen."

Berndt Mosblechs Texte sind nicht zum schnellen Lesen geeignet, vielmehr muss man in der Stimmung sein, sich von den ausgeklügelten und tief empfundenen Zeilen inspirieren zu lassen. Bei der Lektüre muss man immer wieder innehalten und über das Gelesene nachsinnen. Beispielsweise über den Satz, der vielleicht als vages Motto über dem gesamten vielschichtigen Werk Berndt Mosblechs stehen könnte: "Der Horizont scheint mit der Ankündigung einer Antwort einverstanden."

Berndt Mosblech: Ich schreibe, also bin ich. Lyrik und Prosa in lyrischen Segmenten. 117 Seiten. 14 Euro. Verlag Ralf Liebe, Weilerswist. ISBN 978-3-944566-44-3.

Quelle: RP
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