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Duisburg
Kritische Töne beim Empfang

Duisburg: Kritische Töne beim Empfang
Festredner Stephan J. Kramer (M.), Generalsekretär des Zentralrats der Juden, wurde von Patrick Marx (r.) und Harry Hornstein, Vorstand der Jüdischen Gemeinde am Innenhafen, zum Neujahrsempfang besonders begrüßt. FOTO: Probst, Andreas
Duisburg. Beim Neujahrsempfang der Jüdischen Gemeinde prangerte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan J. Kramer, die Diskussion um die Beschneidung an. Versöhnliches kam vom Gemeindevorsteher Dr. Hornstein. Von Peter Klucken

Mit Stephan J. Kramer, dem Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, hatte die Jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen einen ebenso erstklassigen wie provozierenden Festredner zum traditionellen Neujahrsempfang eingeladen. Neujahr deshalb, weil am 16. September für die Juden in aller Welt das Jahr 5773 begonnen hat. Und in Duisburg wird stets kurz nach dem Neujahrsfest "Rosch" im Gemeindezentrum ein Treffen mit geladenen Gästen aus Politik, Gesellschaft und Religion veranstaltet.

Kramer (Jahrgang 1968) sprach über die "Zukunft des Judentums im Licht der gegenwärtigen Herausforderungen – national und international". Kramer warnte eindringlich vor der Radikalisierung der Neonazis, nannte als Beispiel die NSU, die ihr Unwesen in Deutschland treiben konnte, kritisierte, dass kürzlich mit der amerikanischen Philosophin Judith Butler eine "Israelhasserin" in Frankfurt mit dem Adorno-Preis ausgezeichnet wurde und sprach offensiv die Diskussion über die Beschneidung an, die oftmals von "historischer Ignoranz" und "kultureller Überheblichkeit" geprägt sei. Unerträglich sei die Unterstellung, dass jüdische Eltern weniger am Wohl ihrer Söhne interessiert seien als nicht-jüdische. Versöhnlich war Kramers Plädoyer für einen humanen Umgang miteinander und die Aussage, dass kein Kind als Rassist geboren werde.

Optimistischer Ausblick

Gegenüber Stephan J. Kramer, der dazu neigt, noch schärfer zu formulieren als Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, wirkte Dr. Henry Hornstein, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Duisburg-Mülheim-Oberhausen, jovial. Obwohl auch Hornstein, der als Kinderarzt arbeitet, einige "barbarische" Aussagen bei der Beschneidungsdiskussion scharf kritisierte. "Jüdisches Leben gehört zu Deutschland", rief Hornstein unter dem Beifall der zahlreichen Gäste im Jüdischen Gemeindezentrum aus. Optimistisch blickte er auf die eigene Gemeinde; sprach von einer Revitalisierung des jüdischen Lebens, das im Zuge der Sanierungsarbeiten des Gemeindezentrums am Innenhafen und nicht zuletzt durch den neuen Rabbiner Paul Moses Strasko gefördert werde. Strasko sei voller Elan und Herzlichkeit, sagte Hornstein.

Rabbiner Strasko selber hielt sich beim Neujahrsempfang aus aktuellen Diskussionen heraus. Mit freundlichem Gesicht sprach er von der jüdischen Gabe, mit Widersprüchen leben zu können. Auch sei es "interessant", den Bedeutungen nachzugehen, die in denselben Worten stecken, die von unterschiedlichen Religionen und Kulturen unterschiedlich interpretiert werden, darunter das Wort "Liebe".

Nach den Ansprachen trafen sich die Geladenen im Foyer zu Gesprächen bei Spezialitäten der koscheren Küche.

(RP/ac)
 
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