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Thema Jahrestag der Loveparade-Katastrophe
Größtes Drama der jüngeren Geschichte

Loveparade in Duisburg: Fünf Jahre nach der Katastrophe
Loveparade in Duisburg: Fünf Jahre nach der Katastrophe FOTO: dpa, rwe fg kno
Duisburg. Alles schien vorbereitet, doch dann bricht die Katastrophe aus. Wie es genau dazu kommen konnte, ist auch fünf Jahre später noch nicht geklärt. Von Hildegard Chudobba

Samstag, 24. Juli, 2010: Seit Tagen ist in Duisburg die Loveparade das beherrschende Thema. Unmöglich, nicht zu wissen, dass für diesen Tag mit weit mehr als 100 000 jungen Gästen in der Stadt gerechnet wird, die hier fröhlich feiern und tanzen werden; dass es weiträumige Absperrungen und Verkehrsbehinderungen geben wird; dass mit Problemen zu rechnen ist, die betrunkene und bekiffte Besucher machen könnten. Alle haben sich darauf eingestellt: Polizei, Feuerwehr, die Krankenhäuser. Die Anwohner sind informiert und Geschäfte haben sich für den verstärken Getränkeabsatz vorbereitet.

Am Morgen ist es leicht bewölkt mit etwas Sonnenschein, nicht zu warm und nicht zu kalt. Gegen 11 Uhr laufen erwartungsgemäß die ersten Fans der Techno-Musik vom Hauptbahnhof über die beiden ausgewiesenen Routen in Richtung Karl-Lehr-Tunnel, gegen Mittag sind es schon so viele, dass die Schleusen aktiviert werden, an denen der Besucherstrom gelenkt und gebremst wird.

Fotos: Gedenkfeier zum vierten Jahrestag der Katastrophe FOTO: dpa, rwe lof

Dass der Karl-Lehr-Tunnel ein Engpass wird, durch den sich kommende und gehende Besucher quetschen müssen, ist bei den Planungen angeblich berücksichtigt worden. Zwei Tage zuvor hat die Stadt bei einer großen Pressekonferenz noch einmal erklärt, alles Machbare für die Sicherheit auf dem Gelände und auf den Wegen dorthin getan zu haben. Vertreter von Polizei, Feuerwehr, Veranstalter, Hilfsorganisationen und Stadt haben sogar "Horrorszenarien" durchgespielt: Was passiert, wenn am Veranstaltungstag plötzlich ein Platzregen einsetzt und sich Panik breit macht? Wie bekommt man das Gelände schnell frei, wenn ein Wirrkopf Bengalos anzündet oder gar einen Sprengkörper in die Menge wirft? Sie haben geregelt, dass Betrunkene und Berauschte schnell ärztliche Hilfe bekommen und dass die gesperrt A59 für Rettungsfahrzeuge frei bleibt. Die Krankenhäuser sind informiert, dass es in den Notaufnahmen weit mehr als üblich zu tun geben wird und haben sich personell entsprechend verstärkt. Es ist geklärt, dass aufs Gelände keine Glasbehälter mitgenommen werden dürfen - wegen der Verletzungsgefahr. Und es ist sogar wissenschaftlich geprüft worden, ob die beiden Hin- und Rückwege vom Hauptbahnhof zum Gelände die erwarteten Menschemassen verkraften können.

Alles läuft prima, offensichtlich auch noch, als Innenminister Ralf Jäger gegen 17 Uhr in einem Fernsehinterview die Veranstaltung und die gute Organisation lobt. Doch in Wirklichkeit nimmt da bereits die Katastrophe ihren Lauf. Im Tunnel ist die Enge so groß, dass Menschen totgequetscht und niedergetrampelt werden. Gegen 17.30 Uhr ist klar: Es gibt Tote, erst fünf, dann zehn, am Ende 21, daneben Hunderte Verletzte, Geschockte, Traumatisierte.

Fotos: Staatsanwalt über Anklage in Loveparade-Unglück FOTO: dpa, jps wst

Während am Aufgang zum Festivalgelände in der beklemmenden Enge die Rettungsmannschaften um Leben kämpfen, ziehen oben die Floats, die Stimmungswagen, ihre Runden, wummern die Bässe, feiern Tausende ausgelassen. Sie hören nicht die Rettungsfahrzeuge, sehen nicht die dramatischen Bilder, spüren nichts von der erdrückenden Stimmung, ahnen nicht, dass sich an der Zugangsrampe gerade das größte Drama in der jüngeren Stadtgeschichte Duisburgs abspielt. Um eine Massenpanik auf dem Güterbahnhofsgelände zu verhindern, läuft das Programm wie geplant weiter. Nur wer versucht, mit seinem Handy Freunde oder Verwandten anzurufen, bekommt keine Verbindung. Aber im Vorfeld war darauf aufmerksam gemacht worden, dass das Handynetz überlastet sein könnte, wenn Tausende an einem Ort gleichzeitig telefonieren wollen.

Doch die Kommunikation bricht an diesem Spätnachmittag vor allem darum zusammen, weil viel zu viele Daheimgebliebene, die längst über Radio und Fernehen über die Katastrophe informiert worden sind, wissen wollen, wie es den Ihren geht. Die meisten schweben stundenlang in Ungewissheit.

Es dauert bis zum anderen Tag, bis alle Toten geborgen, identifiziert und die Angehörigen ausfindig gemacht worden sind, bis die Verletzten versorgt und die im Schock umherlaufenden Besucher sind. Es dauert bis zum frühen Morgen, bis alle Unverletzten einen Weg aus der Stadt der Katastrophe nach Hause gefunden haben, weil der so sorgsam ausgearbeitete Fahrplan für den Öffentlichen Nahverkehr lange Zeit außer Kraft gesetzt ist.

Die auf dem Papier so sorgfältig erarbeiteten Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung - sie haben am 24. Juli 2010 nicht ausgereicht - auch, weil sich offensichtlich keiner eine solche Katastrophe hat vorstellen können. Wer dafür verantwortlich ist?

Das kann allenfalls vor Gericht geklärt werden, wenn es denn überhaupt zu einem Prozess kommt. Die Zweifel daran mehren sich.

Quelle: RP
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