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Asylbewerber in Duisburg
Neumühl - kein zweites Hoyerswerda

Protest bei Bürgerinformation in Neumühl
Protest bei Bürgerinformation in Neumühl FOTO: Christoph Reichwein
Duisburg. Zorn, Fremdenhass, Ablehnung - davon waren die Begleitumstände der Informationsveranstaltung zur Asylbewerberunterkunft in Neumühl geprägt. Doch das ist nicht typisch für den Stadtteil. Die Polizei setzt auf erhöhte Wachsamkeit. Von Hildegard Chudobba und Stefan Endell

Die Stadtspitze meinte es gut: Die Bürgerversammlung in Neumühl sollte eigentlich dazu dienen, die Anwohner über die Einrichtung der Asylbewerber-Unterkunft zu informieren. Entgegen schlugen ihr aber Zorn, Fremdenhass, Ablehnung und sehr viel Angst. "Aber wir sind kein rechtsradikaler Stadtteil", sagt Reiner Terhorst, Sprecher des Initiativkreises Neumühler Erklärung. In dieser Gruppe haben sich im vorigen Jahr viele lokale Akteure zusammengefunden als Reaktion auf die damaligen Ausschreitungen, bei denen es ebenfalls um die Belegung des ehemaligen St. Barbara Hospitals mit Asylbewerbern gegangen war.

Mit einer derart aufgebrachten Menge hatten am Freitag aber weder Stadt noch Polizei noch der Initiativkreis gerechnet. Denn im Vorfeld konnte vermutlich keiner vorhersagen, dass Vertreter von Pro.NRW die Veranstaltung für ihre Zwecke missbrauchen würden. Die Rechtspopulisten hätten Angste vor einer Überfremdung des Stadtteils gemacht, Halb- und Unwahrheiten verbreitet und die Bürger regelrecht aufgehetzt, berichten Veranstaltungsbesucher übereinstimmend. Weil nach gut einer Stunde an einen geordneten Ablauf nicht mehr zu denken war, wurde die Veranstaltung wie berichtet abgebrochen.

So sah Duisburgs Zeltstadt für Asylbewerber aus FOTO: dpa, fg kno

"Wir werden jetzt in aller Ruhe und mit Besonnenheit mit unseren Nachbar sprechen", so Terhorst, der in Neumühl geboren und aufgewachsen ist und "viele dieser aufgebrachten Leute von früher bestens kenne. Das sind keine Neonazis!". Sie hätten meist aus Unwissenheit Angst, ihr Hab und Gut zu verlieren, bestohlen und bedroht zu werden und davor, das Fremde ihre "kleine Welt" in Unordnung bringe. Zwar stellten Stadt und Bezirksregierung am Freitag das Vorhaben grob vor. "Aber hier weiß doch zum Beispiel immer noch keiner, ab wann das Haus belegt werden soll." Es gäbe auch keine Informationen darüber, wie lange die Sanierung dauern wird und was sie kostet. "Das interessiert hier aber!"

FOTO: dpa

Wenn man zu einer Bürgerversammlung einlädt, "dann muss man schon mehr Details bieten", findet Terhorst. Dass die Stadt zudem für diese Bürgerveranstaltung einen viel zu kleinen Raum gewählt hat, so dass etliche Besucher draußen bleiben mussten, "hat die Stimmung zusätzlich negativ beeinflusst".

Fotos: Zuwanderer-Diskussion: Drei Demonstrationen FOTO: Aaron Clamann

Der Neumühler Initiativkreis hat seit dem vorigen Jahr den Eindruck gewonnen, "dass sich hier viele Stadtteilbewohner überfordert und allein gelassen fühlen." Da würden Asylanten, Asylbewerber, Armutsflüchtlinge, Staatenlose und osteuropäische EU-Bürger alle in einen Topf geworfen, "und da wächst die Angst vor Überfremdung". Wenn dann rechte Rattenfänger auftauchten, fielen ihre Parolen leicht auf fruchtbaren Boden. "Es ist aus unserer Sicht schon darum ganz wichtig, den Bürgern zu erklären, um was für Menschen es sich handelt, die ins St. Barbara Hospital kommen werden." Man müsse den Neumühlern aber auch zuhören, ihre Ängste ernst nehmen und ihnen die unberechtigten Sorgen nehmen.

Wie Reiner Terhorst befürchtet auch der Neumühler CDU-Ratsherr Frank Heidenreich, dass die Umsetzung der Planungen für das Übergangsheim durch die aufgebrachte Stimmung erschwert worden ist. Aber die beiden sind auch zuversichtlich, "dass Neumühl nicht zu einem zweiten Hoyerswerda wird, wenn alles gesellschaftlichen und demokratischen Kräfte gemeinsam dafür eintreten". Fremdenfeindliche Ausschreitungen hatten die sächsische Kleinstadt Hoyerswerda bundesweit in die Schlagzeilen gebracht.

Stadtdirektor Reinhold Spaniel erklärte gestern, es stelle sich für die Stadt nunmehr die Frage, ob sie solche Info-Veranstaltungen noch wiederholen werde. Spaniel zeigte sich beschämt über den Umstand, mit welch bemerkenswerter Passivität Lokalpolitiker aller Couleur, wie auch bekannte und wesentliche Repräsentanten der Kirchen wie der Wohlfahrtsverbände stumm und passiv im Raum gesessen seien, "ohne einmal ein energisches, deutliches Wortes des Widerspruches vor Ort von sich zu geben."

Die Polizei, so berichtete gestern ein Sprecher der Behörde auf Nachfrage, habe "ein klares Bild von dem Abend." Der Staatsschutz sei ebenfalls vor Ort gewesen. Diese Abteilung der Polizei muss sich jetzt mit einer Anzeige gegen drei namentlich bekannte Personen wegen Landfriedensbruchs und mit einer weiteren Anzeige wegen Volksverhetzung in Sozialen Netzwerken des Internets befassen. Zudem, so der Sprecher, habe die Polizei natürlich, intensiv und diskret zugleich, ein Auge auf den geplanten Standort der Landesunterkunft.

Quelle: RP
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