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Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Reformation gegen Karnevalisten

Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten: Reformation gegen Karnevalisten
Ein Bild vom Karnevalszug im Jahr 1937. In den Jahren der Weltwirtschaftskrise gab es in der Duisburger Innenstadt keine Umzüge. FOTO: archiv der duisburger prinzengarde
Duisburg. Die calvinistische Obrigkeit machte dem wilden karnevalistischen Treiben ein Ende. Erst im 20. Jahrhundert wurde die Karnevalsidee in Duisburg neu belebt. Doch der Dienstposten des Narren fehlt bis heute. Von Harald Küst

Die neue Session löst bei den Karnevalisten bereits hektische Betriebsamkeit aus. Der organisierte Frohsinn hat in Duisburg eine lange Tradition von mehr als 500 Jahren. Die Reformation unterbrach allerdings das ausgelassene Karnevalstreiben, in denen die Menschen vor der fleischlosen Fastenzeit noch einmal richtig Spaß haben wollten - mit Wein, Bier, Schlemmereien und alten Karnevalsbräuchen.

Der historische Streifzug durch die Duisburger Narrengeschichte fördert Erstaunliches zutage. So weisen die Stadtrechnungen aus dem 14. Jahrhundert bereits Ausgaben aus, die zur Fastnacht dem Schultheiß, dem Rat, den Stadtboten und den Spielleuten aus dem Stadtsäckel ausgezahlt wurden. Bei Gesellschaften zeigten sich die Stadtväter großzügig: 160 Liter Wein durften die im Jahr 1518 steuerfrei ausgeschenkt werden. Duisburg wusste Karneval zu feiern. Bräuche wie Pfänderspiele, Mädchenbaden und Männerfangen sorgten in Verbindung mit Wein und Bier für ausgelassene Fröhlichkeit. Andere drücken es drastischer aus: "Die Menschen haben damals gesoffen, gefressen, gehurt, gespottet und gelacht, bevor sie sich wieder ihrem Seelenheil hingeben mussten".

Hintersinnigen Frohsinn mit Niveau gab es natürlich auch. Bei den Stadtoberen wurde es 1565 chic, sich einen Narren zu halten, der nicht nur Bürgermeister und Ratsherren samt Gefolge bei Laune hielt, sondern ihnen auch parodierend und satirisch die Leviten lesen durfte. Die 16 Ratsherren Duisburgs hatten damals mit ihren beiden Bürgermeistern ausgiebig darüber nachgedacht, welches Kostüm sie dem ersten Duisburger Prachtjecken geben sollten. Dieser "Jeck" sah so aus, wie man sich heutzutage einen Narren vorstellt: Er trug einen rot-weißen Rock und eine kegelförmige Narrenkappe. Die Ärmel waren aufgeschlitzt, so dass bei jeder Bewegung des Stadtnarren die Farben Duisburgs rot und weiß unter den Schlitzen sichtbar wurden. Der Narr beschränkte sich nicht darauf, Possen zu reißen und das Volk zu bespaßen. Er genoss hohe Wertschätzung und hatte einen festen Platz in der städtischen Hierarchie. Zudem diente der Narr als seriöser Ratgeber, dessen Scherze Nachdenklichkeit bei Bürgermeistern, Ratsherren und den Bürgern auslösen konnten.

Doch Ende des 16. Jahrhunderts war allerorten zu hören, dass das Fastnachtstreiben im Laufe der Zeit in Völlerei und Trunksucht ausgeartet wäre. Sexuelle Ausschweifungen gab es wohl auch. Die Obrigkeit reagierte am 28. Februar 1621 mit einer Verordnung, durch welche "die in den Fastnachten unziemlichen und unchristlichen Üppigkeiten, Mummereien (Maskierung, Verkleidung) und Leichtfertigkeiten mit "Gänseziehen" bei fünfundzwanzig Goldgulden Strafe verboten weren." Beim "Gänseziehen" wurde das arme Tier brutal geköpft. Der Brauch gehörte wohl zu den archaischen Übergangsritualen, die zum Jahreszeitenwechsel in unserer Region praktiziert wurden. Im Jahr 1655 kam es im Herzogtum Kleve zu einem Generalverbot der Fastnachtsbräuche. Doch das gelang nicht vollends. Es gab noch im 18. Jahrhundert Kinderumzüge und "Wieverfastnacht" am Donnerstag vor Fastnacht. Aber im inzwischen calvinistisch geprägten Duisburg zeigte man wenig Verständnis für derartige "Lustbarkeiten".

Da wundert es nicht, dass die alten Fastnachtsbräuche in einen langen Dornröschenschlaf verfielen. In Duisburg wurde der Straßenkarneval erst sehr viel später zur festen Größe als in den rheinischen Hochburgen Düsseldorf oder Köln. 1928 veranstaltete der Marineverein "Graf Spee" erstmalig einen Karnevalszug. Die Anfänge waren bescheiden, aber die Begeisterung groß. In den Jahren 1929 und 1930 setzten die Hochfelder mit einem eigenen Zug die wiederbelebte Tradition fort. Angesichts der Weltwirtschaftskrise fiel der Karnevalszug den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen zum Opfer. Als es scheinbar wieder aufwärts ging, formierten sich die Karnevalisten und brachten 1935 wieder einen Rosenmontagszug auf die Beine. Neben dem Karnevalszug bildeten sich im Laufe der Zeit wesentliche Elemente des modernen Karnevals heraus, die es heute noch gibt: Gesellschaften und Sitzungen etwa. Im Übrigen hat der Virus des rheinischen Frohsinns die Protestanten seit vielen Jahren erreicht.

Der Dienstposten des Narren bei der Stadt wird allerdings nicht mehr ausgeschrieben...

Quelle: RP
 
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