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Duisburg
Trauerarbeit der besonderen Art

Duisburg: Trauerarbeit der besonderen Art
Der Butho-Tänzer und Choreograf Harald Schulte in der "Bisch'ol"-Aufführung bei den Akzenten 2015 im "Sissy Lala". FOTO: Sarah Könecke
Duisburg. "Bisch'ol" - eine Butoh-Performance zum Judenpogrom in Ruhrort wird am Wochenende im Ruhrorter Gemeindehaus aufgeführt. Dem "theatralischen Gedenkbuch" ging eine Geschichtsrecherche voran. Von Olaf Reifegerste

Als Premiere und Koproduktion von "Theater Arbeit Duisburg" mit der "Compagnie Danse Automatique" wird am kommenden Wochenende - Samstag, 23. Januar, um 20 Uhr, und Sonntag, 24. Januar, um 18 Uhr, - ein theatralisches "Gedenkbuch für die ermordeten jüdischen Ruhrorterinnen und Ruhrorter" im Gemeindehaus aufgeschlagen.

Die Inszenierung "Bisch'ol" geht zurück auf eine Auftragsarbeit gleicher Thematik im Rahmen der letztjährigen Duisburger Akzente. Damals ging es um den Judenpogrom in der Duisburger Altstadt. "Bisch'ol" ist hebräisch und heißt so viel wie das "Grab der Menschheit". Die jetzige Neufassung entstand im Rahmen des "Kreativ.Quartiere"-Projekts "Gestern/Heute/Morgen" und wurde gefördert vom NRW-Kulturministerium und wird unterstützt von den Vor-Ort-Partnern Lokal Harmonie und Kreativquartier Ruhrort.

Fast 400 Jahre lang lebten Juden in Ruhrort. Seit Ende des 18. Jahrhunderts gab es dort eine jüdische Gemeinde. Diese erreichte in den 1920er Jahren ihren personellen Höchststand. Mit Beginn der Nazi-Herrschaft wurden jedoch die Juden erniedrigt, denunziert, entrechtet, verfolgt, vertrieben, deportiert bis ermordet. Die Synagoge an der Landwehrstraße, errichtet im Jahr 1841, wurde in der Reichspogromnacht am 10. November 1938 von SA-Männern in Brand gesetzt und zerstört. 1942 war das jüdische Leben in Ruhrort faktisch ausgelöscht.

Die Ruhrorter Butoh-Performance will nicht allein der Opfer der Nazi-Barbarei gedenken, sondern auch eine Art Trauerarbeit leisten. Die Geschichtsrecherche dazu übernahmen der Theatermacher Stefan Schroer ("Theater Arbeit Duisburg") sowie der Choreograf und Tänzer Harald Schulte ("Compagnie Danse Automatique"). Schroer ist zugleich Dramaturg der Produktion, in der Texte von Paul Auster, Bertolt Brecht, Anne Frank, Paul Celan und anderen zu hören sind.

Eingesprochen wurden diese von ihm und Natia Orkodashvili auf Band. Choreografie und Tanz der knapp einstündigen Aufführung stammen dagegen von Schulte. Er ist weiß geschminkt und trägt einen Kaftan-Umhang als Obergewandt. Auch hat er die Musik ausgewählt, darunter Werke von Johann Sebastian Bach und Antonio Cesti, und einen höchst assoziativen Klangteppich der Performance unterlegt.

Um der Anonymität der Judenpogrome entgegenzuwirken und zu verdeutlichen, dass jedes Opfer seine eigene individuelle Schicksalsgeschichte hat, hört man von Stefan Schroer vorher respektvoll eingelesene Namen ermordeter Ruhrorter Juden, entnommen aus dem Buch "Jüdisches Leben in Ruhrort" von Kurt Walter, während Harald Schulte symbolisch und vereinzelt Erbsen tänzerisch umgarnt, die auf dem Boden verstreut herumliegen.

Alle seine tänzerischen Bewegungen, seine mehrdeutigen Gesten und choreografischen Figuren fordern ihm höchste Präzision und Köperbeherrschung ab.

Quelle: RP
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