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Emmerich
Der Wald wird farblos

Emmerich: Der Wald wird farblos
Waldbeerenernte im Reichswald in den 1950er Jahren. FOTO: Carl Weinrother, aus "Siedlungsprojekt Reichswald 1950 - 2000"
Emmerich. Die Wälder leiden unter einem zu hohen Ammoniakeintrag. Arten verschwinden, andere breiten sich ungehemmt aus. Von Peter Janssen

Sie wird der Kaviar des Waldes genannt. Die Waldbeere ist eine wertvolle Frucht. Für die Gesundheit, aber nicht allein dafür. Einst war diese Beere auch von wirtschaftlicher Bedeutung. Nach dem Krieg wurde gesammelt, was der Wald hergab. Familien verdienten sich knieend und mühselig zusätzlich Geld. Einige mussten es, um über die Runden zu kommen. Schulferien wurden so gelegt, dass die Kinder beim Pflücken helfen konnten. Diese Zeiten sind Geschichte. Aber nicht, weil heute keiner mehr auf Beeren angewiesen ist. Man findet keine mehr. Im Reichswald gibt es nicht eine Stelle, die beerntet werden kann. Waldbeeren, die auch Blau- oder Heidelbeeren genannt werden, liegen jetzt im Supermarkt. Sie werden auf Plantagen angebaut, sind groß wie Kirschen, verfärben die Zunge nicht mehr und kommen aus Peru.

Dietrich Cerff (48) ist häufig im Reichswald unterwegs. Für ihn ist die Nachricht, dass in dem Forst alle bedeutenden Waldbeervorkommen verschwunden sind, keine Überraschung. Cerff ist Biologe und arbeitet seit mehr als einem Jahrzehnt bei der Nabu Naturschutzstation Niederrhein. Die Vertreibung der Waldbeere ist nur ein Phänomen in einer Entwicklung der Wälder, die noch nicht abgeschlossen ist.

"Der Wald ist nicht mehr der, der er einmal war", sagt Cerff. Die Umwandlung hat besonders in der jüngeren Vergangenheit Fahrt aufgenommen. 1996 wurde die Vegetation im Naturschutzgebiet Geldenberg erfasst. Nur zehn Jahre später zeigten sich extreme Veränderungen. So gibt es Verlierer, aber auch Arten, die sich enorm verbreitet haben. Die typischen Gewächse des Reichswaldes werden weniger, stark zugenommen haben etwa die Him- und Brombeere, das Springkraut oder Brennnesseln und Kletten-Labkraut, was nicht jedem Spaziergänger sofort auffallen dürfte. Die Ursache für den sich verändernden Wald kommt aus der Luft. Es ist ein Übermaß an Stickstoff, genauer Ammoniak, das sich zum ökologischen Desaster entwickeln kann.

Für Cerff ist die Massentierhaltung in der Landwirtschaft ein wesentlicher Grund für die Eutrophierung des Waldes. Es setzen sich die Pflanzen durch, die mit hohen Stickstoffwerten im Boden besser zurechtkommen. "Vor allem in Regionen mit viel Tierhaltung sind die Werte hoch", erklärt der Biologe. Durch die stickstoffhaltige Gülle werden Felder nährstoffreicher. Der Effekt: Pflanzen wachsen besser und schneller. "Doch ein Teil der stickstoffhaltigen Salze gerät in Form von Ammoniak in die Luft", sagt Cerff.

Nicht nur auf das Ökosystem Wald hat zu viel Stickstoff negative Auswirkungen. Auch das Trinkwasser ist durch die Düngung der Felder gefährdet. Fast die Hälfte des Trinkwassers (44 Prozent) wird in NRW aus dem Grundwasser gewonnen. Ein Fachbericht des Landesamts für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (Lanuv) aus dem Jahr 2015 sagt aus, dass in NRW derzeit etwa 40 Prozent des Grundwasservolumens in einem schlechten Zustand sei. Grund dafür ist eine zu hohe Belastung durch Nitrat, das aus Stickstoff entsteht. In Gebieten mit Ackernutzung erreichten laut der Lanuv-Gutachten die aktuellen Nitratkonzentrationen im oberflächennahen Grundwasser Spitzenwerte. Grundwassermessstellen unter Ackerland-Einfluss mit einer Nitratkonzentration von mehr als 180 Milligramm pro Liter befänden sich unter anderem in den Kreisen Kleve, Neuss, Viersen, Wesel und Düren.

Kreislandwirt Josef Peters bestreitet nicht, dass die Eutrophierung der Wälder aufgrund von zu viel Stickstoff in der Luft forciert wird. Die Bauern seien jedoch nur zu einem Bruchteil dafür verantwortlich. Zudem dürfe die Gülle nach der neuen Düngemittelverordnung bald nicht mehr nach oben ausgebracht werden. "Mit neuen Geräten wird der Boden eingeritzt und der Dünger dort eingebracht, damit kein Ammoniak freigesetzt werden kann." Das Problem sei bekannt, man tue alles dafür, die Situation zu verbessern. "Im Kreis sind schon Millionen ausgegeben worden, um die Gülle bodennah auszubringen."

Cerff ist weit davon entfernt, die Verantwortung für das gestörte Ökosystem allein bei den Landwirten zu suchen: "Autoabgase sowie weitere Umweltverschmutzungen tragen auch dazu bei."

Quelle: RP
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