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Rees
In wenigen Minuten um 28 Jahre gealtert

Rees: In wenigen Minuten um 28 Jahre gealtert
Bis auf den letzten Platz war die Haldern Pop Bar am Montagabend gefüllt. FOTO: Konrad Flintrop
Rees. Für die kleine Pop Bar war der Andrang beim Filmabend übers Lindendorf zu groß. "Wo die Linden rauschen" wird daher am kommenden Montag wiederholt. Von Michael Scholten

Die Haldern Pop Bar platzte aus allen Nähten. Das Interesse an Clemens Reinders' Dorfporträt "Wo die Linden rauschen - Ein Heimatfilm" war so groß, dass viele Interessenten auf den Nachholtermin vertröstet werden mussten. Der ist am kommenden Montag, 26. Februar, um 19.30 Uhr, erneut in der Haldern Pop Bar. Tickets kosten sieben Euro an der Abendkasse.

Die Volkshochschule und Gastgeberin Monika Pirch taten gut daran, für das Finale ihrer Reihe "Filmkunst in Haldern" Clemens Reinders' ganz persönliche Dorfbetrachtung aus dem Jahr 1991 zu wählen. Gedreht in den Oster- und Sommerferien 1990, rund um die 950-Jahr-Feier des Lindendorfes, wollte der Filmemacher damals von den Haldernern wissen, was ihnen "Heimat" bedeutet. Die Antworten reichten von "Heimat ist, wo man geboren ist" bis "Heimat ist, wohin ich immer zurückkehren kann." Pfarrer Willi Keysers sah die Heimat "im Himmel" und erinnerte daran, dass die Zeit auf Erden nur eine "vorübergehende Heimat" sei.

Tatsächlich hörte man aus dem Publikum immer wieder den Kommentar "Der ist auch schon tot", als der einstündige Film auf die weiße Wand projiziert wurde. Halderner Originale, längst verstorben oder in Ehren ergraut, waren ebenso zu sehen wie Dorf- und Familienszenen. Dabei machten Frisuren und Brillenmodelle deutlich, wie schnell sich Moden ändern, während die niederrheinische Landschaft und Halderner Sehenswürdigkeiten wie Haus Aspel und Haus Sonsfeld von zeitloser Schönheit sind.

In der anschließenden Diskussion bezeichnete die Volkskundlerin Dr. Dagmar Hänel vom Landesinstitut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn den Haldern-Film als "beeindruckendes Zeitdokument". Stefan Reichmann erinnerte daran, dass viele Halderner 1991 nach der WDR-Ausstrahlung "brüskiert" und "verständnislos" auf den Film reagiert hätten. "Der Film brauchte 27 Jahre, damit die Leute ihn verstehen." Das Publikum lobte Clemens Reinders dafür, die "richtigen Originale" vor die Kamera geholt und den Film, trotz aller Sachlichkeit, mit feiner Ironie erzählt zu haben. "Wir haben so einen Film, andere Orte haben ihn nicht", brachte es ein Halderner auf den Punkt.

Clemens Reinders, der heute als Lehrer arbeitet und weiterhin in Haldern lebt, erzählte von den Produktionsbedingungen seines Films. Eine 10-Minuten-Filmrolle im Format 16 Millimeter habe damals 1200 Mark gekostet, weshalb jede Aufnahme wohlüberlegt sein wollte. Bis heute erinnert Reinders sich an die Wut des Kirchenchores, der weitgehend aus dem fertigen Film geschnitten werden musste: "Der Chor war damals dünn mit Männerstimmen besetzt, weshalb ich für den Film stärker auf Szenen mit dem Männerchor setzte", sagte Reinders.

Er habe unter dem Druck gestanden, dass sein Dorfporträt dem WDR-Redakteur gefallen musste: "Der hatte diesem Filmemacher vom Land eine Chance gegeben und fand den Film gut, aber es war nicht: Hurra!" Die langen Einstellungen seien auch für die damaligen Sehgewohnheiten ungewöhnlich gewesen. Kein Problem für die jüngsten Zuschauer in der Haldern Pop Bar: Die in den 90er Jahren geborene Generation fand den Film "phantastisch" und erkannte vieles vom heutigen "Lebensgefühl" in den 27 Jahre alten Aufnahmen wieder.

Schreinermeister Michael Herbst, der in "Wo die Linden rauschen - Ein Heimatfilm" die Lacher auf seiner Seite hat, war einer der vielen Zuschauer in der Haldern Pop Bar und betrachtete amüsiert sein jüngeres Ich im Film: "Ich bin in wenigen Minuten um 28 Jahre gealtert", sagte Herbst. Er denkt gern an die Dreharbeiten an jedem verregneten Sommertag zurück, als er auf einem alten Eichenstamm saß und die Heimat mit der Arbeit an einem guten Stück Holz verglich: "Du kannst sie prägen, aber Du kannst sie nicht verändern", philosophierte das Halderner Original damals vor der Kamera.

Quelle: RP
 
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