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Erkelenz
Doppeljubiläum im Ort "ohne Namen"

Erkelenz: Doppeljubiläum im Ort "ohne Namen"
Inge und Erich Niemela (l.) waren die ersten Umsiedler, die 2004 von Pesch nach Kückhoven ins neue Baugebiet zogen. 2007 (r.) stellten die Pescher ihr eigenes Ortsschild auf. FOTO: Heldens/Foto: privat
Erkelenz. Pesch ist das erste Erkelenz Dorf, das für den Tagebau geräumt ist. 2015 wird dennoch gefeiert: Die neue Siedlung besteht zehn Jahre, und urkundlich wurde Pesch erstmals vor 750 Jahren erwähnt. Von Hans Groob

Yannik (14), Simon (11), Jonas (7) und Fynn (11) haben in einer Ecke ein Fußballtor aufgebaut und versuchen, sich auf dem Platz davor mit dem Ball auszutricksen. Gemütlich rollen Emily (12), Mara (5) und zwei Freundinnen mit ihren Fahrrädern heran, drehen ihre Kreise. Spielplatzidylle, die man auf öffentlichen Straßen kaum noch findet, die aber bei einigermaßen gutem Wetter auf dem Pescher Kamp im Erkelenzer Stadtteil Kückhoven tagtäglich gelebt wird. Ermöglicht wurde das Kinderspielparadies durch die bauliche Anordnung als verkehrsberuhigtes Karree, das von der stark befahrenen Katzemer Straße aus nur über eine schmale Slalomdurchfahrt im Schritttempo zu erreichen ist.

Und genau an dieser Durchfahrt wird das Geheimnis gelüftet, was es mit dem "Pescher Kamp" auf sich hat. Ein am 22. April 2007 aufgestelltes, selbst gefertigtes Ortsschild mit dem Namenszug "Pesch (neu)" dokumentiert die durch den Braunkohlenabbau bedingte erste Umsiedlungsstätte in der Stadt Erkelenz. Gisela Berger, schon damals für die vielen Menschen, die wegen des Tagebaus Garzweiler II ihre Heimat aufgeben mussten, die Sprecherin des Bürgerbeirats für Immerath und Pesch, fand bei dieser symbolischen Geste nachdenkliche Worte: "Wir übergeben ein Schild für einen Ort, den es offiziell gar nicht gibt und wohl auch nie mehr geben wird." Die Umsiedlung Pesch liegt nämlich in Kückhoven an der Katzemer Straße mit den fünf Häusern der Nummern 80 bis 88 sowie dem dahinter Richtung Immerath (neu) angelegten Karree Pescher Kamp mit elf Häusern. Die Zahl der Bewohner mit engem Bezug zu Pesch (alt) - also echte Umsiedler - sowie einiger "Imis" (Nutzer der Restgrundstücke) liegt bei 54. Einen Großteil der Alt-Pescher hat es unter anderem nach Otzenrath, Holz oder Immerath (neu) verschlagen. Fest steht aber nach Aussage von Gisela Berger, "dass im gesamten Umsiedlungsgeschehen nicht mehr so viele ehemalige Nachbarn an einem Flecken zusammen wohnen werden, wie am Pescher Kamp und an der Katzemer Straße".

Alt-Pescher und "Imis" wollen sich am Samstag am Pescher Kamp zu einer doppelten Jubiläumsfeier treffen: Das zeitlich nahe liegende Jubiläum nennt sich "unser Karree ist jetzt zehn Jahre jung", geschichtsträchtiger dagegen ist die "erste urkundliche Erwähnung von Pesch vor immerhin 750 Jahren". Wie Karl L. Mackes herausgefunden und im 1985 veröffentlichen Band 6 der Schriftenreihe der Stadt Erkelenz mit dem Titel "Erkelenzer Börde und Niersquellengebiet" niedergeschrieben hat, ist "Werencenrode" 1265 erstmals urkundlich erwähnt. Aus "Werecherode" (1288), "Weritzenrade" (1345) entwickelte sich Werretsrath (1645), das schließlich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts durch den Namen Pesch verdrängt wurde. So wird 1688 von einem Haus "in pago Pesch" - im Dorfe Pesch - berichtet: Ausgangspunkt der Siedlung war der am westlichen Dorfausgang gelegene Rittersitz "Werencenrode", später Haus Pesch. Die Ur-Ortsbezeichnung setzt sich zusammen aus "Werin", der Kurzform des Rufnamens "Werinher" und dem Grundwort "reod". Sie bedeutet also "Rodung des Werenchen".

Der Spagat in das 21. Jahrhundert mutet noch nicht einmal gewagt an, denn 750 Jahre später sind es von Menschenhand gesteuerte Maschinenmonster zur Braunkohleförderung, welche die ursprünglich oberflächliche "Rodung des Werenchen" nicht nur dem Erdboden gleich machen, sondern tiefenwirksam sind - Heimat roden.

Schon in den 1960er Jahren wussten die Pescher Bürger, dass sie 50 Jahre später ihren Grund und Boden verlieren würden. So liegt Hermann-Josef Felten ein Schreiben vom 4. März 1964 mit diesem Wortlaut vor: "... eine Förderung Ihres Bauvorhabens mit Werksdarlehen durch uns kann nicht erfolgen, da Ihr Grundstück innerhalb der nächsten 50 Jahre vom Bergbau benötigt wird". Das "Glückauf" am Ende des Schreibens von Rheinbraun sieht Felten heute noch als Hohn an: "Und geglaubt hat das kaum einer bei uns in Pesch. Verständlich, denn damals standen die Braunkohlebagger noch acht, neun Kilometer von uns entfernt in Königshoven."

Mit dem Anrücken der Bagger wurde es 1995 ernst und existenziell zugleich. Der Braunkohleplan Garzweiler II wurde durch die Bezirksregierung Köln vorgelegt. Aus diesem ging hervor, dass die "bergbauliche Inanspruchnahme" für Pesch mit dem Jahr 2009 anlaufen würde. Das 256-Seelen-Dorf wurde dabei als "besonderer Fall" dargestellt, weil es "siedlungssoziologisch und infrastrukturell so eng mit Immerath verknüpft ist, dass räumlich und zeitlich eine gemeinsame Umsiedlung in Betracht kommen kann". So begann die gemeinsame Standortfindung im Jahr 2000.

Vorausgegangen waren heftige Proteste der Bürger und der Stadt Erkelenz, die Pesch auf "keinen Fall aufgeben" wollten. Solidarität war das Gebot der Stunde. Doch weil die Bagger politisch und real nicht aufzuhalten waren, musste eine schnelle Lösung her. Der neue Standort mit einem Teil der Katzemer Straße und dem neuen Pescher Kamp war sehr schnell zu erschließen und hat auch eine Anbindung über den Weg "In Pesch" zum neuen Immerather Markt. "Womit die im Braunkohleplan geforderte siedlungssoziologische und infrastrukturelle enge Verknüpfung mit Immerath erreicht wurde", sagt Jürgen Schöbel, bei der Stadt Erkelenz der Koordinator für Umsiedlungsfragen und Braunkohleangelegenheiten.

Die heiße Phase der bevorstehenden Umsiedlung mit Sondersitzungen und Versammlungen (wie im alten Immerather Kaisersaal, aber auch privat) lief ab 2002, wobei die Entschädigungsmodalitäten das große Thema waren. Auch bedingt durch die Lärm- und Staubbelästigung durch den nahen Tagebau hat ein Teil der Ortsbewohner sich bereits vor dem geplanten Umsiedlungsbeginn in Kückhoven niedergelassen. Erich und Inge Niemela waren die ersten Umsiedler aus Pesch. Spatenstich für den Neubau an der Katzemer Straße war am 15. Februar 2004, eingezogen in die "82" sind sie am 15. November 2004. Es folgten die Familien Walter und Michael Oellers ebenfalls an der Katzemer Straße, ehe dann auch kontinuierlich im Pescher Kamp die Wände hochgezogen wurden. Die letzten Umsiedler verließen Pesch 2012 - Familie Felten in das Karree und Familie Otter nach Immerath (neu). Komplett war Pesch (neu), das es nur in der Erinnerung und wegen des privaten Ortsschilds gibt, dann Mitte 2013, als die drei letzten Grundstücke von "Imis" besiedelt waren.

Das alte Pesch ist inzwischen baulich platt - von Abrissfirmen dem Erdboden gleich gemacht. Die fruchtbaren Felder ringsherum wurden allerdings bis zum vorigen Jahr noch mehrmals in der Woche von Franz Hahn mit seinem Traktor angefahren - stets mit einer gewissen Wehmut. "So lange wie möglich habe ich dort noch angebaut und geerntet", sagt der gelernte Landwirt, "als aber die Abbruchkante des riesigen Braunkohleloches von Garzweiler II zu nahe kam, da war Feierabend". Den verbringt er in seinem neuen schmucken Zuhause auf dem Pescher Kamp.

Und wenn seine Enkelkinder Simon und Jonas dann mal richtig groß sind, wird der Opa sicherlich viele spannende Geschichten aus Pesch (alt) erzählen können. Denn auch dort konnte man als Kind und Heranwachsender - wie in einer heilen Welt - richtig schön spielen und Zeit verbringen.

Quelle: RP
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