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Herbert Winnenburg
Der "Vater" der Straßenmaler erzählt

Herbert Winnenburg: Der "Vater" der Straßenmaler erzählt
Dieser Mann liebte das Gelderner Pflaster, und noch heute legt er gerne fürs Foto Hand daran: Herbert Winnenburg. Mit seiner Idee wurde Geldern berühmt. Die Unterlagen aus den ersten Jahren hat Winnenburg noch. FOTO: Seybert
Geldern. Die Kunst kommt wieder raus zum Spielen: Am 26. und 27. August färben Maler und Musiker die Innenstadt bunt. Es ist das 39. Straßenmalerfestival. Erfinder dieser Veranstaltung ist Herbert Winnenburg - und seine Idee war seinerzeit bahnbrechend.

Es gab Zeiten, da konnte die Kunst auf der Straße noch schocken. Wie war das noch gleich mit dem Geschlechtsteil auf dem Pflaster vor St. Maria Magdalena...?

Festival der Straßenmaler und Straßenmusiker in Geldern FOTO: Seybert, Gerhard

Winnenburg Das war meines Wissens beim ersten Internationalen Straßenmalerwettbewerb 1979. Damals gehörten Straßenkunst und Straßenmaler mehr zur Subkultur. Da waren Personen dabei, die tätowiert waren und mit freiem Oberkörper auf der Straße saßen und malten, das entsprach schon nicht so ganz dem Bürger-Bild von Kunst. Und da bekam ich am Sonntagmorgen einen Anruf vom damaligen Stadtdirektor Becker: ,Herr Winnenburg, kommen Sie sofort zu St. Maria Magdalena, da hat einer Ihrer Straßenkünstler einen erigierten Penis mit Monsignore-Hut aufs Pflaster vor die Kirche gemalt! Das ist eine Zumutung für die Kirchenbesucher! Rufen Sie den Bauhof an, das soll sofort entfernt werden.'

Und das haben Sie dann gemacht.

38. Straßenmalwettbewerb in Geldern

Winnenburg Na klar, der Stadtdirektor war ja mein Chef. Das war eine Kunst-Zensur, wenn man so will. Aber die Gelderner Verwaltungsspitze war eben noch nicht reif, da drüber zu stehen und zu sagen: Okay, das ist vielleicht geschmacklos, und man muss es auch nicht gut finden. Ich hätte es als provokante Kunstidee empfunden und konnte damit leben.

Was haben Sie denn noch an Kuriositäten in Erinnerung?

Winnenburg Die Aha-Effekte, wenn jemand einen Rubens wirklich wunderbar auf das Pflaster gemalt hat. Die Leute blieben stehen und sagten: Ist ja Wahnsinn. Oder wenn jemand dreidimensional gemalt hat, so dass man das Gefühl hatte, da geht es in die Tiefe auf dem Pflaster. Da haben die Leute wirklich diskutiert mit den Künstlern. Auch der Diebstahl des kleinsten Straßenbildes der Welt war kurios. Das war ein kleiner Pflasterstein mit den betenden Händen von Dürer, gemalt von dem Gelderner Willi Klümpen, mit dem wir in das Guinnessbuch der Rekorde gekommen sind.

Was hat Sie zum ersten Straßenmalerwettbewerb inspiriert?

Winnenburg Als Werbeleiter der Stadt Geldern hatte ich unter anderem die Aufgabe, die 750-Jahr-Feier in 1979 zu organisieren. Nach einem WDR-Gespräch dazu in Köln saß ich in einem Café, und da waren ein Straßenmusiker, eine Sängerin und ein Straßenmaler in Aktion. Ich fand diese Atmosphäre so schön, dass ich den Café-Besitzer gebeten habe, denen eine Tasse Kaffee zu spendieren. Und der hat gesagt: Das Gesocks, das soll abhauen! Der hat die Straßenkunst nicht als Bereicherung angesehen, sondern als Störfaktor. Ich sah das anders, ich wollte ein Forum schaffen für diese Künstler.

Das war ein richtiger Umbruch, sagen Sie.

Winnenburg Ja, weil viele Menschen früher eine etwas eindimensionale Sicht auf die Straßenkunst hatten: Das ist fahrendes Volk! Wäsche von der Leine nehmen, Fenster und Türen zu! Und dann stehen Leute, die nie ins Museum gehen, plötzlich vor einem Rembrandt oder einem Picasso oder vor freier Kunst und sind begeistert. Vielleicht beschäftigen die sich erstmalig mit Kunst. Dadurch werden Barrieren abgebaut, und es entsteht Kommunikation zwischen Künstler und Betrachter. Und man darf nicht vergessen, dass der Wettbewerb auch viele heimische Bürger inspiriert hat, sich auf die Straße zu setzen und selbst zu malen. Das war auch das, was ich erreichen wollte.

Sie haben gesagt: "Ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, in dieser - Entschuldigung - etwas langweiligen Kleinstadt etwas zu machen, was ein Alleinstellungsmerkmal hat." Das ist dann ja wohl geglückt.

Winnenburg Ja, das hat international Furore gemacht. Etwa 100 Zeitungen haben jährlich berichtet, ich habe im amerikanischen, im japanischen und im deutschen Fernsehen Interviews gegeben. Die Kunstzeitschrift "Art" hat einen sechsseitigen Farbbericht gemacht. Weil sich da die Betrachtung geändert hatte, weg von der Ordnungswidrigkeit, hin zur Straßenkunst als Teil der Stadtkultur. Im Jahr 1979, da galt ja noch die Reichsgewerbeordnung von um 1900. Die sah vor: "Darbietungen von Lustbarkeiten sind genehmigungsfrei". Wer auf der Straße singt, tanzt oder malt und kein Geld dafür nimmt - das ist ohne Erlaubnis möglich. Aber in dem Moment, wo jemand dabei 'nen Hut hinstellt, ist es ein Gewerbe, das bedarf einer Reise-Gewerbe-Karte. Und die haben die Künstler nie. Also wurden die oft in die grüne Minna gesetzt, vor die Stadt gefahren und rausgeschmissen. Ich wollte die Kunst für die Stadtgestaltung und das Stadtmarketing nutzen.

Sie waren Juso-Vorsitzender, als Geldern fest in CDU-Händen war, und meinen, das habe auch zu Widerständen geführt. Tatsächlich?

Winnenburg Hier war halt ein sehr konservatives Denken. Und ich kam aus der Großstadt Duisburg und war dann auch noch ein 68er, wie man so sagte. Dabei war ich kein Revoluzzer, ich hatte die gehobene Beamten-Laufbahn eingeschlagen und habe Firmen als Wirtschaftsförderer beraten. Das ist ja nichts Revolutionäres. Aber ich war ein kreativer Freigeist. Das stößt manchmal an.

Jedenfalls wollte die Politik den Wettbewerb irgendwann nicht mehr, und dagegen formierte sich in der Bürgerschaft Protest.

Winnenburg Die Stadt Geldern hat 1983 gesagt: Wir wollen das nicht mehr machen. Die Sicht war immer noch: Diese Leute gehören hier nicht in die Stadt. Dabei haben ja auch ganz viele Bürger aus Geldern mitgemacht, da saßen Schüler und Lehrer auf der Straße und malten. Deswegen entstand 1984 eine Bürgerinitiative. Da haben die Bürger und der Gelderner Werbering den Politikern gezeigt: Wir lassen uns nicht bevormunden, ob wir das gut finden dürfen oder nicht. Ich bin dann auch 1985 nach 13-jähriger Tätigkeit als Stadtmacher aus Geldern weggegangen.

Diese große gesellschaftliche Bedeutung, die Skandale, die erigierten Penisse - das scheint heute vorbei zu sein. Ist da der Kunst der Zündstoff ausgegangen?

Winnenburg Nein. Ich glaube, da ist mehr Toleranz entstanden. Wenn heute einer einen Penis mit Monsignore-Hut malte, würde der Bürgermeister wahrscheinlich lächelnd sagen: Ist geschmacklos, aber Freiheit der Kunst. Man würde das unter Satire verbuchen. Ich denke, dass die Gesellschaft reifer geworden ist, sich mit so einer Provokation konstruktiv auseinanderzusetzen. Auch im politischen Raum ist es ja so: Wir haben gelernt, dass der Andere anders sein darf, ohne, dass ich das als gegen mich gerichtet sehen muss. Abgesehen von einigen Extremen nach links und nach rechts, die gibt es immer. Aber insgesamt ist das Klima viel demokratischer und freiheitlicher geworden. Das ist ein Zeichen von humanitärer Gesellschaft. Ich finde das ganz großartig.

Wie finden Sie das Straßenmalerfest denn heute?

Winnenburg Es ist natürlich gewachsen und hat sich über die Jahre weiterentwickelt. Vielleicht ist manches organisatorisch anders gemacht worden, als ich es gemacht hätte. Aber ich finde es toll, und ich bin froh und den Gelderner Machern dankbar, dass es erhalten worden ist. Geldern wäre auch schlecht beraten, darauf zu verzichten. Schließlich gibt es den Wettbewerb nächstes Jahr zum 40. Mal.

SINA ZEHRFELD FASSTE DAS GESPRÄCH ZUSAMMEN.

Quelle: RP
 
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