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Zielscheibe
Fußballspiel durch die Erfolgsbrille betrachtet

Geldern. Planung ist alles, und perfekte Vorbereitung kann Punkte sichern. Davon bin ich als aufgeklärter Mensch und Fußballtrainer felsenfest überzeugt. Wenn ich weiß, wer von unseren Jungs ausfällt, wer fit oder außer Form ist, den Gegner bestens kenne und seine Spielweise im Detail analysiert habe, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Da brauche ich weder Rituale noch albernen Aberglauben. Bei vielen Spielern ist das anders. Da gibt es welche, die ziehen immer den linken vor dem rechten Stutzen an, oder binden den linken Schnürsenkel zuerst.

Andere hören in der Kabine stets denselben Song, tragen dieselben Socken (natürlich zwischendurch mal gewaschen...) oder müssen stets als Letzter die Umkleide verlassen, ansonsten sei das Spiel von vornherein schon verloren; meinen sie. Die Gemeinde der Abergläubigen hängt an ihrem privaten Fußball-Mantra wie der Junkie an der Nadel. Für uns Analysten ist das Humbug. Von solch' Kinderkram lassen wir uns nicht beeinflussen. Wozu auch? Die Fitness ist getestet, die Taktik ausgearbeitet, unser Strafraum ausgemessen, die Tore hoch und breit wie immer und der Ball rund. Darauf kann man sich einstellen. Und auch die Herren in Schwarz kennt man nach ein paar Jahren auf der Trainerbank aus dem Effeff und weiß, ob und wenn ja welche Sicherheitsrisiken auf einen zukommen.

Als analytischer Coach mit breiter Brust hat man alles im Griff. Nur letzte Woche ist etwas passiert, dass mich konzeptionell aus der Bahn und mental aus meiner emotionalen Mitte gerissen hat. Ich konnte vor dem Match meine Erfolgsbrille nicht finden. Genau jenes Gestell, das ich die letzten drei Male aufhatte. Drei Spieltage, an denen wir jeweils überzeugende Siege gefeiert hatten.

Damit drängte sich die empirisch wissenschaftliche Schlussfolgerung auf: Es muss einen kausalen Zusammenhang zwischen Brille und Sieg geben. Seit dem letzten Match - das mit der Ersatzbrille prompt verloren ging - ist diese Vermutung Gewissheit. Die Fakten sprechen für sich: Wenn ich meine Erfolgsbrille bis zum nächsten Spieltag nicht wiederfinde, bleibe ich gleich zu Hause. Gewinnen ist dann unmöglich! Das ist zwar tragisch, aber es gibt Schlimmeres: Aberglaube zum Beispiel...

Quelle: RP
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