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Auf Ein Wort Reiner Nieswandt
Der Weg ist nicht das Ziel

Hilden. Am Himmelfahrtswochenende hatte ich zum wiederholten Mal die Möglichkeit, mit Jugendlichen unserer Gemeinde, die sich auf ihre Firmung am Freitag vor Pfingsten vorbereiteten, sowie einigen Erwachsenen, zum Grab des Apostels Matthias in Trier durch die Eifel zu pilgern. Pilgern ist seit einigen Jahren - nicht erst seit Hape Kerkelings Buch über seinen Weg nach Santiago de Compostela - wieder "in", und so machen sich in dieser Zeit einige Tausend Menschen, oft als Mitglieder oder Gäste der jahrhundertealten St. Matthias-Bruderschaften, die es vor allem im Linksrheinischen gibt, auf den Weg.

Die diesjährige Wallfahrt unserer Firmanden hatte sich das Motto gesetzt: "Auf dem Weg" und da durfte natürlich bei den Impulsen zum Thema das bekannte Diktum nicht fehlen, das dem chinesischen Weisen Konfuzius (um 500 v. Chr.) zugeschrieben wird: "Der Weg ist das Ziel." Mancher, der sich mit dieser Aussage schwer tut, widerspricht und ruft aus: "Nein, das Ziel ist das Ziel." Das würde somit bedeuten: Wenn ich auf meinen Wanderungen beziehungsweise Pilgerfahrten nach Santiago, Trier oder Rom das Ziel aus dem Auge verliere, dann könnte ich ebenso eine Wandertour irgendwo in Europa oder auf einem anderen Kontinent unternehmen.

Vor einigen Jahren las ich das Buch eines weniger bekannten Santiago-Pilgers. Darin sprach er sehr offenherzig davon, dass ihn am Ende seines langen und mühsamen Weges nicht etwa große Freude am Ziel überkam, sondern eine "kleine" Depression. Andere berichten, dass es ihnen ähnlich ergeht: Man freut sich monatelang auf die große Wanderung, man kommt irgendwann nach großen Mühen an, und das war's dann: Man besichtigt die besuchte Stadt und ihre Kirchen, kauft sich ein paar Andenken für sich selbst und die Lieben daheim, verbringt vielleicht noch ein paar Erholungstage am Ziel und fährt dann wieder nach Hause, eventuell mit Plänen für neue Ziele.

Damit kommen wir zu der Wahrheit, die in Konfuzius Aussage steckt: Der Weg ist deswegen das Ziel, weil wir auf dem Weg die entscheidenden Erfahrungen unserer Wanderung machen. Menschen unserer Zeit sind als Pilger unterwegs, weil sie auf diesen Wanderungen neue Erfahrungen machen, mit sich selbst, mit vertrauten Freunden und fremden Menschen, mit Gastfreundschaft und Ablehnung, mit Schwierigkeiten des Weges und der eigenen Körperlichkeit ebenso wie mit tiefer Freude, wenn diese Schwierigkeiten überwunden werden und Körper, Geist und Seele neuen Mut fassen. Ich wünsche Ihnen und uns allen gute Erfahrungen auf den Wegen des Lebens.

Quelle: RP
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