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Hückeswagen
Eine starke Frau in der SPD dankt ab

Hückeswagen: Eine starke Frau in der SPD dankt ab
Angelika Weiß war die Quotenfrau der Hückeswagener SPD: 1994 zog sie über die SPD-Liste in den Stadtrat ein, in dem sie 20 Jahre aktiv "mitmischte". Lange leitete sie den Sozialausschuss. FOTO: jürgen moll (archiv)
Hückeswagen. Angelika Weiß wird morgen 70 Jahre alt - und zieht für sich einen Schlussstrich unter ihre parteipolitische Karriere: Sie hat ihr Amt als stellvertretende Ortsvorsitzende der SPD abgegeben, bleibt den Sozialdemokraten aber verbunden. Von Brigitte Neuschäfer

Der Spitzname, den sie als Kind hatte, klingt merkwürdig: "Mischling" nannten die Eltern und die drei Brüder die kleine Angelika scherzhaft. "Das lag daran, dass ich mich gerne eingemischt habe, wenn diskutiert wurde. Ich war schon als kleines Kind groß darin, Widerworte zu geben", erzählt Angelika Weiß humorvoll über sich selbst. Am morgigen Dienstag wird sie 70 Jahre alt. Aus dem widerspenstigen Kind ist eine immer noch streitbare Seniorin geworden.

Einmischung im Sinne von Farbe bekennen und Haltung zeigen: Das brachte die damals noch junge Frau 1980 auch in die SPD. Auslöser war die öffentliche Aufregung um den "Lindenhof". Aus der ehemaligen Gaststätte an der August-Lütgenau-Straße sollte eine Wohnstätte für chronisch alkoholkranke Menschen werden. Vor allem Nachbarn setzten sich zur Wehr, beschworen vermeintlich von den künftigen Bewohnern ausgehende Gefahren herauf, zeitweise nahm die Diskussion hysterische Züge an. Angelika Weiß fand es unerträglich: "Diese öffentlich geschürten Vorurteile haben mich unglaublich aufgeregt." Sie schrieb in Leserbriefen dagegen an - und erhielt einen Anruf von Willy Stahl, dem damaligen Ortsvorsitzenden der SPD. Er lud sie ein zu einem Diskussionsabend der Partei. Angelika Weiß ging hin, diskutierte mit - und trat in die Partei ein. Einmischung war zur Frage von Zivilcourage geworden. Die SPD war damals in Hückeswagen ein politischer Club der älteren Herren, junge Frauen wie Angelika Weiß und ihre Cousine Ingrid Weber, die mit ihr eingetreten war, waren Exoten.

Rückblickend sieht Angelika Weiß es pragmatisch: "Ich war die Quoten-Frau und kam schnell in den Vorstand. Gefördert hat mich Willy Stahl." 1994 zog sie über die SPD-Liste in den Stadtrat ein, in dem sie 20 Jahre aktiv "mitmischte". Lange leitete sie den Sozialausschuss. Die vermeintliche Quoten-Frau hatte sich emanzipiert, war eine couragierte Kommunalpolitikerin geworden, die sich das Recht nahm, die Dinge nicht nur durch die parteipolitische Brille zu sehen. Gemeinsam mit Frauen wie Brigitte Thiel (heute FaB), Elisabeth Hacke (CDU) und Sabine von Polheim (FDP) setzte sie die Gründung des Jugendzentrums durch. 2014 schied Angelika Weiß auf eigenen Wunsch aus dem Stadtrat aus, blieb aber im Vorstand der SPD. Bei der Hauptversammlung vorige Woche kandidierte sie nicht mehr als stellvertretende Vorsitzende. Da sei ihr der frühere SPD-Ratsherr Kurt Selbach Vorbild gewesen. Als der sein Amt im Parteivorstand niederlegte, hatte er betont: "Ich gehe lieber selbst als irgendwann rausgetragen zu werden."

Langweilig wird es der Hückeswagenerin jenseits der 70 nicht. Sie bleibt der SPD verbunden - "und wenn die Partei meine Hilfe brauchen sollte, stehe ich zur Verfügung." So war's immer schon bei ihr, in den zurückliegenden Jahren auch jenseits der Parteiarbeit unter anderem in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe. Außerdem engagiert sich die leidenschaftliche Leserin im Freundeskreis der Stadtbibliothek.

"Wichtig sind vor Ort nicht die parteipolitischen Posten, sondern, dass man etwas tut und auf die Beine kriegt", sagt sie. "Es wäre schön, wenn sich mehr Frauen im öffentlichen Leben einmischen würden. Die meisten haben etwas zu sagen und bringen viel Wissen mit, leider aber oft nicht das Selbstbewusstsein, um sich in und außerhalb von Parteien Gehör zu verschaffen."

Quelle: RP
 
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