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Serie Jubiläum Des Luise-Von-Duesberg-Gymnasiums (3)
1941 - Das erste Abitur für Mädchen

Serie Jubiläum Des Luise-Von-Duesberg-Gymnasiums (3): 1941 - Das erste Abitur für Mädchen
Von 1932 bis 1944 und dann wieder von 1948 bis 1966 war die Schule im ehemaligen Internat des Thomaeums an der Ecke Moorenring/Thomasstraße untergebracht. Das Foto stammt aus dem Jahre 1954. Im Februar 1967 wurde das baufällige Gebäude abgerissen und auf dem Grundstück das neue Kempener Postamt gebaut. Die bemalte Fassade des Nachbarhauses an der Thomaasstraße erinnert bis heute an das frühere Schulgebäude. FOTO: Stadtarchiv Kempen
Kempen. 1932 zog die Vorgängerin des Luise-Duesberg-Gymnasiums von der Vorster Straße zum Moorenring. Im neuen Gebäude durchlief die Anstalt die Zwangsherrschaft des "Dritten Reiches" und den Krieg - der aber auch die erste Reifeprüfung brachte. Von Hans Kaiser

KEMPEN Kempens Luise-von-Duesberg-Gymnasium leitet seine Tradition aus einer höheren Mädchenschule der Ursulinen ab. Die startete 1867 an der Engerstraße, wurde aber schon sieben Jahre später unter dem Druck der protestantischen Regierung Preußens aufgelöst. Erst nach 17 Jahren kam es zu einer Neugründung: 1892 nahm die unmittelbare Vorgängerin des heutigen Gymnasiums, eine höhere Mädchenschule unter der Leitung der Schwestern Unserer Lieben Frau, ihren Betrieb im Annenhof auf. 1909 wurde sie zu einem Lyzeum erweitert und zog 1911 an die Vorster Straße. Hier blieb das Lyzeum, bis es 1932 in das ehemalige Knaben-Konvikt am Moorenring wechselte - in das einstige Internat der von auswärts kommenden Schüler, die das Gymnasium Thomaeum besucht hatten. Das war bis 1925 gegenüber in der Burg untergebracht gewesen. In Erinnerung an den Schutzherrn des Thomaeums nannte die Schule sich nun "Thomas-Lyzeum". Der Grund für den Umzug ins größere Haus am Moorenring: Man brauchte zusätzliche Fachräume, wie die moderne Pädagogik sie verlangte.

Die neuen Räume im alten Konvikt waren groß und hell, und ein Theaterstück auf Kempsch Platt, von der Lehrschwester Teodora Mausberg verfasst, schloss die Einweihung am 22. September 1932 ab. Darin war vom Schweineschlachten im Winter die Rede ("Ek freu mich all op de leckere Wursch!") und vom Ferkestünn, dem Heiligen mit dem Schwein an seiner Seite. Von den begeisterten Zuschauern ahnte keiner, dass die nächsten Jahre alles andere als lustig werden würden.

Dr. Leo Ballhausen war von 1938 bis 1945 Schulleiter. FOTO: Kreisarchiv

1933 kommen die Nationalsozialisten an die Macht. Um die Katholiken für sich zu gewinnen, erklärt Hitler das Christentum zum "unerschütterlichen Fundament des deutschen Volkes" und schließt ein Konkordat mit dem Vatikan. Darin sichert er den katholischen Ordensschulen ihre bisherigen Freiräume zu. Auch die Schwestern Unserer Lieben Frau, als Bürgertöchter national geprägt, glauben an den guten Willen der neuen Regierung. Sie eröffnen den Unterricht mit dem vorgeschriebenen Hitler-Gruß und machen bei ihren Schülerinnen Werbung für den Eintritt in den nationalsozialistischen "Bund deutscher Mädel". 1935, nach dem Erlass der Nürnberger Rassengesetze, ordnet die Schulaufsicht an, jüdische Schüler hätten separat zu sitzen. "Eine Mitschülerin schaute mich voll Hass an, als die Lehrerin verkündete, dass niemand neben mir sitzen dürfe", erinnert sich Kempens letzte noch lebende Jüdin Mirjam Winter, die damals die Quarta (heute: siebte Klasse) besuchte und 13 Jahre alt war. "Außerdem war meinen Mitschülerinnen verboten worden, mit mir zu sprechen. Aber da stand meine Freundin Hilde Klöckner aus St. Hubert auf und sagte: ,Wenn neben der Mirjam niemand mehr sitzen darf, dann werde ich das tun!'"

Auch wenn sie sich um Anpassung bemühen, ist im NS-Staat für konfessionelle Schulen kein Platz. Zum 1. April 1938 wird das Thomas-Lyzeum mit seinen 125 Schülerinnen in eine "Deutsche Oberschule für Mädchen" umgewandelt und von der Stadt übernommen. Nach 45jähriger Tätigkeit werden die Ordensschwestern durch weltliche Lehrkräfte ersetzt. Ostern 1938 müssen sie ihr Lyzeum verlassen. Neuer Schulleiter wird Dr. Leo Ballhausen, bis dahin Studiendirektor am Oberlyzeum in Duisburg-Ruhrort. Als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg ist er dreimal verwundet und mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet worden. 1923 hat er gegen die Separatisten gekämpft, die das Rheinland von Deutschland abtrennen wollten, und wurde dafür von der belgischen Besatzung hinter Gitter gebracht. Ein glühender Nationalist also. Der NSDAP gehört er seit dem 1. Mai 1933 an; der nationalsozialistischen Sturmabteilung, der SA, seit dem 15. Juli 1933. Aber man sollte bei Ballhausens Beurteilung vorsichtig sein. 1939 empfiehlt die Gestapo Duisburg der Kempener Polizei, den Oberstudiendirektor zu beobachten. NSDAP-Mitglied sei er nur pro Forma geworden, um in seinem geliebten Lehrerberuf bleiben zu können. In Wirklichkeit halte er nicht viel von der nationalsozialistischen Revolution. Er sei ein bürgerlicher Opportunist und "konservativ bis auf die Knochen".

Konservativ war Ballhausens Schulprogramm in der Tat. Dem herkömmlichen Frauenbild entsprechend und in Absprache mit den Eltern legte er den Schwerpunkt der neuen Oberschule nicht auf den fremdsprachlichen, sondern auf den hauswirtschaftlichen Unterricht. Innerlich immer noch Offizier, führte er die neue Schule mit strenger Hand. Mit seiner Stellvertreterin, der bald zur Oberstudienrätin beförderten Katharina Sittarz, kamen bald Spannungen auf. Die vertrat nämlich eine völlig andere, christlich geprägte Haltung. Glücklicherweise wurde der Direktor 1939 zu Kriegsbeginn als Hauptmann der Reserve eingezogen. Er blieb zwar Schulleiter bis zu seiner Amtsenthebung 1945, weilte aber nur noch selten in der Anstalt.

Andererseits konnte Katharina Sittarz nicht verhindern, dass nach den Deportationen der Kempener Juden am 10. Dezember 1941 und am 25. Juli 1942 deren Möbel in der Aula der Mädchenoberschule versteigert wurden. Der Raum lag im Erdgeschoss, was den Transport der teilweise schweren Stücke erleichterte; die Aulen der anderen Schulen waren nur über Treppen zu erreichen. Auf Bollerwagen und Sackkarren fuhren die Kempener die ersteigerten Sachen nach Hause. Die schändliche Auktion fand auf Anordnung der Finanzbehörden nicht nur in Kempen, sondern in jedem Ort Deutschlands statt. "Das gehört zur geschichtlichen Wahrheit, und deshalb sollte in einer Darstellung der Schulgeschichte die Rede davon sein", meint heute Schulleiter Benedikt Waerder. "Als Mahnung, dass so etwas nie wieder geschehen darf."

Die zumindest äußerlich gezeigte Begeisterung für "Führer, Volk und Vaterland" ist Leo Ballhausens eine Seite. Andererseits scheint er, obwohl NSDAP-Mitglied und SA-Truppführer, kein Fanatiker gewesen zu sein. Als am Vormittag des 10. November 1938, dem Tag des Judenpogroms, auch in Kempen die Synagoge brennt, als die jüdischen Wohnungen und Geschäfte demoliert und die jüdischen Männer verhaftet werden, sitzt in der Quarta (heute: 7. Klasse) die dreizehnjährige jüdische Schülerin Erika Rath und bangt um das Wohl ihrer Eltern. Da kommt Dr. Ballhausen herein, verbietet den Mitschülerinnen, Erika Rath anzufeinden, und schickt sie schließlich nach Hause, damit sie ihrer Mutter beistehen kann; Erikas Vater befindet sich bereits auf dem Weg ins Anrather Zuchthaus.

Als der Schulleiter 1943 auf Heimaturlaub weilt, fordert er sein Kollegium noch auf, "im Schicksalskampf des deutschen Volkes Stellung zu beziehen" und auf die Schülerinnen entsprechend einzuwirken. Ein Jahr später ist die Niederlage der Wehrmacht jedem vernünftigen Menschen klar, und Leo Ballhausen kommt für kurze Zeit als Verwundeter zurück. Nun kann man realistisch mit ihm über die militärische Lage reden. 1947 wird er, weil er "aktiver Nazi" gewesen sei, mit voller Pension in den Ruhestand versetzt. Aber Ballhausen betreibt beharrlich seine Rehabilitierung. Mit Erfolg. Im April 1951 stuft man ihn in die Entnazifizierungs-Kategorie IV (Mitläufer) ein, womit einer Wiedereinstellung in den Schuldienst nichts mehr im Wege steht. Allerdings nicht in Kempen, und auch nicht in leitender Position.

Just in der schweren Zeit nationalsozialistischer Zwangsherrschaft hat die Schule einen Durchbruch erlebt: Ab Oktober 1939 konnten die Schülerinnen sich auf das Abitur vorbereiten. 1941 fand die erste Reifeprüfung statt. Indes: Frauen wurde der Studienzugang von der Schulbehörde nur erleichtert, weil infolge des Krieges "Not am Mann" war. Sie waren Lückenbüßer, und ihre Karrierechancen waren nach wie vor gering.

In der nächsten Folge: Die Schule in der Nachkriegszeit

Quelle: RP
 
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