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Stadt Kempen
Eine moderne Weihnachtsgeschichte

Stadt Kempen. Ein Team aus Jugendlichen und Erwachsenen wagt in Kempen ein sehr modernes Krippenspiel. Anstoß war ein Skandal um eine andere moderne Version vor 43 Jahren. Ein Probenbericht. Von Hans Kaiser

Die Bühne zeigt eine Bahnhofshalle. Links im Hintergrund Gepäckstapel. Eine dösende Pennerfrau (Anja Kleeberg). Vier Hooligans, teilweise mit Fußballknarren. Auf einmal eine Lautsprecherstimme: Wann Züge abfahren, um wie viel sie verspätet sind. Und dass gleich, hier auf dem Bahnsteig vor dem Kölner Dom, ein Pärchen eintreffen wird. Woher, warum, wohin es zieht, wird nicht gesagt. Wie überhaupt bei dieser Inszenierung, deren Probe wir beiwohnen, vieles in der Andeutung bleibt.

Und da kommen die beiden. Ein alter Mann (Martin Geister), einen Stock in der Hand, und eine junge Frau (Esther Jobson) im blauen Kittel. Schon der Altersunterschied zieht die Blicke auf sich. Und dass sie Stress haben: Sie zanken sich, kommen nicht klar mit den Umständen. Vor allem mit denen der Frau, die ist hochschwanger. Aber Geld für ein Logis haben sie nicht. So suchen sie einen Gratis-Unterschlupf. Ob sie den finden? Und was dann?

Was dann passiert, ist noch die Frage. Eines ist jedenfalls klar: Es ist die Weihnachtsgeschichte in moderner Version, die wir hier bei der Probe im Kempener Christuszentrum der Evangelischen Freikirche an der Dunantstraße 23 erleben. Dort wird sie auch am kommenden Sonntag, 20. Dezember, um 12.30 Uhr aufgeführt - im Rahmen des zweiwöchentlich stattfindenden Leuchtturmcafés für Flüchtlinge. Gespielt wird Englisch, weil die meisten Flüchtlinge nur diese Fremdsprache verstehen. Vieles an der Geschichte und an dem Stück, das sie auf die improvisierte Bühne bringt, ist ungewöhnlich.

Zum Beispiel, dass die Idee dazu auf einen Skandal zurückgeht - der sich freilich vor 43 Jahren in Kempen abspielte. Damals gab es die Schülerzeitung "Dreiklang", herausgegeben von Luise-von-Duesberg-Gymnasium, Thomaeum und Realschule. Zu Weihnachten 1972 brachte einer der Redakteure, Oberstufenschüler am Thomaeum, ebenfalls eine moderne Form der Weihnachtsgeschichte. Aber mit Formulierungen, die manch einer im damals noch stockkonservativen Kempen als Affront empfand: "Neulich war doch die Volkszählung, die vom Innenminister ausging", beginnt der Text. Und fährt fort: "Der Josef ist dann auch dahin, der mit der blöden Maria, kennst Du doch auch... hat aber kein Quartier mehr gekriegt, alles belegt und so, hat mit der im Bahnhof gepennt..." Und endet damit, dass es statt der Hirten ein paar Bahnhofspenner waren, die auszogen, die frohe Botschaft zu verkünden.

Ob der "blöden Maria" schlugen an der Schule und in der Stadt die Wogen hoch. Der Pennäler stand in Gefahr, vom Thomaeum verwiesen zu werden. Was dann mit Hilfe eines Anwalts verhindert wurde. Der jugendliche Verfasser entschuldigte sich ob seiner sprachlichen Entgleisung und machte Abitur. Heute ist er ein erfolgreicher Tierarzt. Einer, der die Affäre damals hautnah mitbekam, war Hugh Murphy, von Geburt Ire und von 1971 bis 2002 Lehrer am Thomaeum, wo er mehrfach mit auf Englisch aufgeführten Stücken hervortrat. "Wir jüngeren Lehrer haben den Schüler damals im Stich gelassen", empfindet er heute. Und als ihm der Text von 1972 wieder in die Hände fiel, beschloss er, einen neuen Versuch mit einer modernisierten Weihnachtsgeschichte zu wagen, allerdings in nicht so ganz provokanter Form. Aber wieder auf Englisch.

Während der Proben geht's spontan zu. Hugh Murphy lacht jede Schwierigkeit weg; Brigitte Nienhaus, ebenfalls als Theater-Lehrerin am Thomaeum bekannt, assistiert, improvisiert. "Müssen die Stühle da stehen?", fragt sie. "Nee", grinst Martin Geister, "die sollen bloß verhindern, dass der Teppich sich aufrollt." Und dann tippelt er los mit seiner Maria: "Don't worry, Mary, if I can't find us a warm safe place for the night, my name is not Joseph." Währenddessen testet Hooligan Rupert (Urs Heggen) die optimale Bodenliege-Lage. Kurz: Eine Atmosphäre, wie sie in den verrückten 1970er-Jahren nicht hätte schöner sein können.

Soweit die Impressionen von einem Stück, das eine uralte Geschichte aus einer Krippe in einen aktuellen Bahnhof transportiert. Das Stück erzählt von Bedrückung und Chaos, aber auch von Hoffnung und Zukunft. Seine Botschaft ist eindeutig: Der Zug ist noch nicht abgefahren, aber es ist höchste Eisenbahn.

Quelle: RP
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