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Stadt Kempen
Kempen bekommt Stolpersteine

Stadt Kempen: Kempen bekommt Stolpersteine
Liesel und Kurt Mendel aus Kempen, Von-Loe-Straße 14. Liesel starb als Achtzehnjährige in Auschwitz. Kurt, 1922 geboren, überlebte als einziger Kempener Jude die Deportation. FOTO: Familienarchiv Mendel
Stadt Kempen. Der Verlegung gingen kontroverse Diskussionen in Bürgerschaft und Politik voraus. Dienstag installiert Künstler Gunter Demnig die ersten Platten auf der Engerstraße und der Von-Loe-Straße. Von Hans Kaiser

Am Dienstag, 15. Dezember, werden die ersten acht Messingplatten, die dem Gedenken von NS-Opfern dienen, in das Pflaster der Engerstraße und der Von-Loe-Straße eingelassen. Der Künstler Gunter Demnig aus Köln wird die Installation persönlich vornehmen.

35 jüdische Bürger aus dem Gebiet der heutigen Stadt Kempen sind während des Dritten Reiches ermordet worden, darunter zwei Kinder. Die Deportation wurde mithilfe einer Kartei der Stadtverwaltung durchgeführt, Kempener Polizisten - damals noch dem Bürgermeister unterstellt - brachten die Todgeweihten zur Bahn. In der Mädchenoberschule wurde die Habe der Deportierten öffentlich versteigert, viele Kempener fuhren die Schnäppchen auf Bollerwagen davon. Aber Stolpersteine beziehen sich nicht nur auf jüdische Opfer.

Marian Kurzawa sollte auf der Engerstraße gehenkt werden. Mit Rücksicht auf Proteste aus der Bevölkerung verlegte die Gestapo die Hinrichtung ins KZ Sachsenhausen. FOTO: Heimatbuch Kreis Viersen 2004

Im Rahmen der Euthanasie sind aus Kempen mindestens sieben Menschen umgebracht worden, aus St. Hubert mindestens zwei. Drei polnische Zwangsarbeiter wurden gehenkt. Zwei Kempener verloren ihr Leben infolge politischer Verfolgung. 46 Menschen aus Kempen insgesamt, die dem Nazi-Terror anheimfielen. Jüngsten Forschungen zufolge ist sogar mit 50 Opfern zu rechnen.

Diese erste Verlegung beginnt am 15. Dezember um 9 Uhr mit Steinen für die jüdischen Schwestern Berta, Johanna und Caroline Berghoff, die an der Engerstraße 38 ein winziges Fleischerfachgeschäft betrieben. Johanna Berghoff erlitt die Demütigungen der NS-Zeit, bevor sie 1938 im Kempener Krankenhaus dem Krebs erlag. Ihre Schwestern Berta und Caroline kamen 1942 in Theresienstadt bzw. Treblinka um.

Dann wird gegenüber, am früheren Bauernhof Nopper, Engerstraße 21 (heute: Kodi), ein Stein für den polnischen Zwangsarbeiter Marian Kurzawa verlegt. Er wurde 1941 gehenkt, weil ein deutscher Arbeitskollege ihn geschlechtlicher Beziehungen zu einer Magd bezichtigte, was Kurzawa bis zuletzt abstritt. "Rassenschande" hieß das im Nazi-Jargon.

Die Brüder Nopper versuchten, Kurzawa zu schützen. Trotzdem ordnete der "Reichsführer der SS", Heinrich Himmler, an, dass Kurzawa unmittelbar vor seiner Arbeitsstätte, also auf der Engerstraße, zu hängen sei. Die Nachricht löste in der Kempener Bevölkerung Proteste aus. Um einen Aufruhr zu vermeiden, wurde der Zwangsarbeiter dann am 21. Juni 1941 im KZ Sachsenhausen bei Berlin hingerichtet. n der Von-Loe-Straße 14 werden anschließend vier Steine für die jüdische Familie Mendel installiert. Der Viehhändler Andreas Mendel, seine Frau Paula und ihr Sohn Kurt wurden am 11. Dezember 1941 nach Riga deportiert, in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Teil der Sowjetunion. Andreas Mendel musste beim Bau eines neuen KZ schuften, erkrankte an den Strapazen und wurde, weil arbeitsunfähig, im Januar 1942 erschossen. Paula Mendel starb 1945 im KZ Stutthof am Hungertyphus. Ihr Sohn Kurt war der einzige Kempener Jude, der die Deportation überlebte.

Seine jüngere Schwester Liesel nicht. Zwar war es 1939 gelungen, sie mit einem Kindertransport in die vermeintliche Sicherheit der Niederlande zu bringen. Aber 1940 wurde das neutrale Land von der Wehrmacht besetzt. Als das Mädchen erfuhr, dass man seine Familie deportiert hatte und sie sich nach ihrem Verbleib erkundigte, wurde sie selbst verhaftet und starb 1942 in Auschwitz. Lehrer des Luise-von-Duesberg-Gymnasiums, des Thomaeums, der Realschule und des Berufskollegs haben mit Schülern die Biographien der acht Opfer erarbeitet, derer an diesem Tag gedacht werden soll. Die Jugendlichen werden die Schicksale bei der Verlegung vortragen. Im Anschluss lädt die Stadt Kempen zum weiteren Gedankenaustausch in den Rokokosaal im Kulturforum Franziskanerkloster, Burgstraße 19, ein.

Quelle: RP
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