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Serie Herausforderung E-Commerce (5)
"Mehr Poesie in die Innenstädte bringen"

Serie Herausforderung E-Commerce (5): "Mehr Poesie in die Innenstädte bringen"
"Unser Ansatz und Selbstverständnis ist nicht, als städtischer David gegen Internet-Goliath anzutreten, sondern nach den Chancen der Digitalisierung für die Innenstädte und den stationären Handel zu suchen", sagt Ulrich Cloos, Leiter Stadtmarketing Krefeld. FOTO: Lammertz
Kempen. Wir sprachen mit Krefelds Marketingchef Ulrich Cloos über das schwierige Geschäft, Marketing für eine Stadt zu machen.

In Sachen Marketing haben Sie auch mit dem Thema Image der Stadt zu tun. Image ist ein flüchtiges Wesen. Haben Sie nicht das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen? Wo ist der Ansatz des Stadtmarketings?

Cloos Stadtmarketing hat die Aufgabe, gemeinsam mit den Akteuren vor Ort mehr Poesie in die Innenstädte zu bringen. Das heißt, wir setzen, flankierend zum Handel, bei der Frage an, welche Motive es für Menschen gibt, in die Innenstädte zu kommen. Innenstädte sind atmosphärische, kommunikative Orte, die überraschend sind. Daran knüpfen wir an, mit Veranstaltungen, Projekten und vor allem mit dem Krefelder Perspektivwechsel. Wir schielen gar nicht so auf das flüchtige Thema Image, sondern fragen: Wo sind die Identitäten einer Stadt und wie kann man sie herausfiltern? Und wenn es um E-Commerce und die Wandlungen im Handel geht, sehe ich unsere Rolle nicht darin, dieses Phänomen eindämmen zu wollen. Unser Ansatz und Selbstverständnis ist nicht, als städtischer David gegen Internet-Goliath anzutreten, sondern nach den Chancen der Digitalisierung für die Innenstädte und den stationären Handel zu suchen.

Fängt Poesie nicht damit an, dass öffentlicher Raum sauber und sicher ist?

Cloos Ja, natürlich geht es auch darum, behutsam mit dem öffentlichen Raum umzugehen, ihn zu pflegen. Das wird in Krefeld auch gesehen. Es geht aber unbedingt auch um den Zustand privater Immobilien. Mitten in der Krefelder Innenstadt, in den zentralen Einkaufsbereichen, gibt es immer noch Nachkriegslücken; das ist für einen Innenstadtraum, für Atmosphäre und "Poesie", schlicht schädlich. Hier hängt die Qualität der Innenstadt unmittelbar vom Engagement der Privateigentümer ab.

Zu den Seltsamkeiten in Krefeld gehört, dass man mittlerweile die Anlage eines schönen Platzes wie beim Karlsplatz eher fürchtet, weil die Sorge besteht, dass sich dort sofort Junkies und Trinker ansiedeln. Frustriert es Sie, dass es offenbar keine Handhabe gibt, die Verschandelung von Plätzen zu verhindern?

Cloos Ich glaube, dass wir die Argumentation umdrehen müssen. Störempfindungen sind umso größer, je mehr man das Gefühl hat, dass der öffentliche Raum insgesamt noch nicht so aussieht, wie man sich das wünscht. Sie haben auch in anderen Städten Szenen auf Plätzen, aber die sind da nicht unbedingt Stadtgespräch und prägend für die öffentliche Wahrnehmung, weil es etwa eine schöne Altstadt oder besonders schöne Partien in der Stadt gibt, die das Unangenehme emotional überlagern. Nehmen Sie das Beispiel Köln: Da kann schieflaufen, was will, bis hin zur Stadtarchiv-Katastrophe, aber die Leute feiern ihre Stadt. So zumindest die Wahrnehmung von außen.

Überregional gibt es immer mal wieder fast schon hämische Äußerungen über Krefeld, etwa in der "Zeit", die behauptet, Krefeld sei eine Stadt, in der die Eröffnung von Primark das Ereignis des Jahres sei. Das war mal eben rotzig hingeworfen. Wie kommt's?

Cloos Schade, dass sich die "Zeit" nicht gewohnt differenziert geäußert hat. Die Außensicht auf eine Stadt ist das Ergebnis sehr langfristiger Prozesse. Beim jüngsten Brandmeyer-Markenreport, der das Image von Städten betrachtet, ist Krefeld vor Gelsenkirchen und Duisburg auf dem drittletzten Platz gelandet. Solche Imagerankings bilden aber nicht die aktuelle Entwicklung ab, sondern hinken naturgemäß der Zeit hinterher. In einigen Jahren, darauf setzen wir mit dem Krefelder Perspektivwechsel, wird sich die Außensicht auf Krefeld deutlich verbessert haben.

Nun muss man kein glühender Lokalpatriot sein, um zu sagen, dass Krefeld besser ist als sein Ruf. Wie kann man so ein Negativ-Image knacken?

Cloos Krefeld hat in den 70er Jahren mit den Einbrüchen bei der Textilindustrie eine Phase der Depression hinter sich. So etwas setzt sich in 20, 30 Jahren in der kollektiven Wahrnehmung fest. Um die Wahrnehmung von Wandel in der Stadt, die Stärkung von Identität und Identifikation zu erreichen, brauchen Sie im Gegenzug eine ähnlich lange Periode. Deswegen hat es auch keinen Sinn, auf kurzfristige Effekte zu setzen. Mit einem schönen Innenstadtfest erreichen Sie keinen Mentalitätswechsel. Daher ist der Krefelder Perspektivwechsel langfristig angelegt.

Braucht Krefeld eine Art großartiges Leuchtturmprojekt? Düsseldorf hat die Rheinpromenade, Duisburg den Binnenhafen und Norman Foster.

Cloos Nein, das glaube ich nicht. In Düsseldorf war die Rheinpromenade Teil einer langfristigen Entwicklung, und Duisburg steht trotz Norman Foster beim Image hinter Krefeld. Nein, Sie brauchen glaubwürdige Prozesse, die zu einer Stadt passen. Mit dem einen großen Paukenschlag werden Sie keinen Imagewandel erreichen. Was immer Sie für das Image tun, es wird nur wirken, wenn es glaubwürdig ist.

JENS VOSS FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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