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Bedburg-Hau
Als Dornröschen vergewaltigt wurde

Bedburg-Hau: Als Dornröschen vergewaltigt wurde
In der größten Forensik des LVR ist auch eine zentrale Frauenabteilung für das Rheinland. FOTO: dpa
Bedburg-Hau. Zukünftig richtet die LVR-Klinik Bedburg-Hau alle zwei Jahre eine frauenspezifische Forensik-Veranstaltung für Fachleute aus. Hier ist die größte Forensik im Bundesgebiet und eine zentrale Frauenforensik für das Rheinland. Von Matthias Grass

Das Märchen von Dornröschen ist ursprünglich gar nicht schön: In einem prächtigen Palast wird eine wunderschöne Prinzessin im todesähnlichen Schlaf durch einen jungen Ritter vergewaltigt, sie trägt und gebiert das Kind während des Schlafes und heiratet zuletzt nach der Erweckung auch noch den Täter. "Noch im 17. Jahrhundert findet sich die Motivkette Schlaf, Vergewaltigung, Erlösung und daran anschließende eheliche Legitimation auch in anderen Märchen", sagt Jack Kreutz, Leiter der forensischen Kliniken in der LVR-Klinik Bedburg-Hau.

Es ist eine Motivkette, die in der Psychiatrie seit Jahrzehnten debattiert wird: Wie geht das Opfer mit dem Wissen um den Mißbrauchskern um? Wie können Therapeuten helfen, die Traumatisierung durch eine Vergewaltigung zu verarbeiten. Vor allem, wenn "Dornröschen" nach der Tat in das Borderland der emotionalen Instabilität geführt und möglicherweise im Maßregelvollzug gelandet wäre, so Kreutz. Denn bei einem knappen Fünftel dieser Patientinnen mündet eine Borderline-Störung in Straftaten, die zur gerichtlich angeordneten Unterbringung in der LVR-Klinik geführt haben.

So wie bei Christine P. Die vierzigjährige Bonnerin bedrohte Anfang 2014 eine Bekannte; anschließend zündete sie zwei Matratzen in einem unbewohnten Zimmer an und setzte sich in eine Ecke des Zimmers. Verletzt wurde niemand, aber es entstand ein Sachschaden von rund einer Million Euro. Das Gericht ordnete wegen der psychischen Erkrankung und der darauf folgenden Schuldunfähigkeit ihre Unterbringung in einer forensischen Klinik an. Dort wird sie bis heute auf einer hochgesicherten forensischen Abteilung behandelt. Ihre Diagnose: Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ. "Bei ihr äußerte sich diese gravierende Erkrankung durch rund 60 Suizidversuche, erhebliche Selbstverletzungen und psychotische Schübe", schildert LVR-Sprecherin Karin Knönelspies. den Fall von Christine P. Die Brandstiftung beging P. in einem dissoziativen Zustand: Sie war überzeugt, dass sich ihre Mutter und Onkel in dem Zimmer befänden und beschloss, beide und sich selbst umzubringen. "Wie viele Menschen mit Borderline-Syndromen wurde Christine P. in ihrer Kindheit schwer traumatisiert: Sie wurde jahrelang durch den Onkel missbraucht, Mutter und Stiefvater waren körperlich und verbal gewalttätig", erklärt Knöbelspies.

Nur etwa sechs bis acht Prozent aller forensischen Patienten sind weiblich. Für das Rheinland wurde die zentrale Frauenabteilung in der größten forensischen Klinik Deutschlands, der LVR-Klinik Bedburg-Hau eingerichtet. Derzeit werden dort 100 Frauen behandelt. In einer Fachtagung dort diskutierten Fachleute über "Dornröschen im Borderland". Dabei bezieht sich der Titel bewusst auf das Märchen, denn seit Freud und Jung gelten Märchen als Ausdrucksform des Unbewussten: "Märchenanalysen nehmen Symboldeutungen vor und nehmen an, dass Märchen Versuche sind, Träume, Seelenkonstitution und Triebkräfte innerseelischer Art zu enträtseln", sagt Kreutz. Zukünftig richtet die Klinik alle zwei Jahre eine frauenspezifische Forensik-Veranstaltung für Fachleute aus. Die forensischen Abteilungen der LVR-Klinik Bedburg-Hau, in denen rund 400 Patienten stationär behandelt werden, sind von überregionaler Bedeutung, erklärt Knöbelspies.

"Die Therapie von Borderline-Patientinnen wie Christine P. stellt uns vor große Herausforderungen. Borderline-Patientinnen ,testen' uns. Sie wollen wissen, ob wir genauso sind wie die Menschen, mit denen sie ihre bisherigen - oft traumatischen - Erfahrungen gemacht haben. In der konkreten Therapie geht es darum, die extremen Gefühlsschwankungen für die Patientinnen besser aushaltbar zu machen. Insbesondere müssen die Missbrauchserfahrungen so bearbeitet werden, dass sie keine psychotischen Veränderungen auslösen, die zu Straftaten führen können", sagt Rudolf Schlabbers, Chefarzt der Frauenforensik Bedburg-Hau.

Oft steht eine Borderline-Erkrankung nicht alleine: "Menschen mit emotional instabiler Persönlichkeit vom Borderline Typus betreiben deutlich häufiger riskanten, schädlichen bzw. abhängigen Substanzkonsum als die Allgemeinbevölkerung", sagt die Neurologin Monika Vogelsang. Eine erfolgreiche Therapie der einen Störung macht es immer auch erforderlich, sich mit gleicher Intensität der Behandlung der anderen Störung zuzuwenden.

Quelle: RP
 
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