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Kleve
Die "toten" Steine klangen im Klever Reihenkonzert

Kleve. Der Titel "Ode an die Steine" für das zweite Reihenkonzert in der Stadthalle Kleve galt vor allem der zweiten Konzerthälfte. In der ersten hörte man hingegen die Aufführung wunderbarer Barock-Musik, interpretiert von ChorWerk Ruhr unter der musikalischen Leitung von Florian Helgath mit Björn Colell (Laute), Günter Holzhausen (Violone) und Christoph Anselm Noll (Orgel). Die Akustik in der Stadthalle ist nicht unproblematisch; die 23 Sängerinnen und Sänger begannen das einleitende "Stabat Mater" von Domenico Scarlatti noch ein wenig "trocken". Von Barbara Mühlenhoff

Nach diesem Gefühl des "Einsingens" gelang das Meisterwerk großartig: In dem stellenweise zehnstimmigen Satz wich Scarlatti mehr und mehr vom Stil Palestrinas ab, um die in dem Text enthaltenen Affekte durch harmonische Progressionen zu unterstreichen. Diese Progression griff ChorWerk Ruhr wunderbar auf und verlieh den rechten dramatischen Schwung, gepaart mit lyrischer Anmut. Für den folgenden polyphonen Chorklassiker "Jesu, meine Freude" von J. S. Bach disponierte Helgath die Tempi klug und formte eine überzeugende Proportion des Werks im Kontext der einzelnen Abschnitte. Im Vordergrund stand die plakative Verbindung von Zeit und sehr schönem Klang zur Ausformung feiner Satzcharaktere. Dynamische Kontraste und Steigerungen gerieten so umso überzeugender, wie etwa bei der Stelle "Tobe Welt und springe". Zum wundervollen Punkt der klanglichen Konzentration wurde das Quartett "Gute Nacht, o Wesen".

Nach der Pause erklang "Steinar" (isländisch für "Steine") des Komponisten Ondrej Adámek, ein Werk, das dieses Jahr in seiner chorischen Version die Uraufführung erlebte. Die eigentlich "toten" Steine klangen, als die Teilnehmer in ihrem "Einzug" ebensolche rhythmisch aneinander rieben und sich aufstellten. Wie Helgath in der Konzerteinführung mit auf den Weg gab, ging es gar nicht unbedingt darum, das Stück zu verstehen, sondern zu erleben und nachzufühlen: Die 23 Akteure sangen Töne und bedienten neben Steinen auch Kazoos und Wah-Wah-Tubes, betonten eine Pauke mit Klangröhren und wurden zu Grenzgängern zwischen Gesang, Geräusch, vokal und instrumental. Die Übergänge waren fließend zu einem Text vom Kinderspiel eines Kiesels, der über das Wasser zischt, bis hin zu einem schweren Stein "gegen den Körper des verliebten siebzehnjährigen Mädchens prallt" (als Bezug auf einen Ehrenmord). All dies konnte man in der Tat wahrnehmen: den Flug des Kiesel ("pffffffft"), das Zischen über das Wasser ("wa-wa-wa-water") und wirklich fallende Steine, die mit einem Rumms auf dem Bühnenboden landeten. Klingt modern, etwas "abenteuerlich", gelang aber sehr kurzweilig und spannend und nicht schrill. Die ausgeprägte Expertise des ChorWerk Ruhr stellte neben die Frische des Klangs und die stimmliche Beweglichkeit die interpretatorische Erfahrung für die Werke "alter" und "neuer" Epoche. Langer Applaus für ein gelungenes Konzer.

Quelle: RP
 
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