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Zum Sonntag
Mit Würde sterben

Kleve. Auf den 500 Jahre alten Bildern in St. Nicolai sind die Apostel am Sterbebett Marias sehr unterschiedlich tätig: Weinend, betend, sich abwendend, Bibel vorlesend, Kerze haltend, zugewandt, Petrus mit der Krankensegnung, andere die Hände haltend, schweigend sitzend ... Bis heute ist jeder hilflos am Sterbebett eines Menschen. Christus wollte Gottes Passion und Mitgehen über die Todeslinie spürbar machen. Er selbst erfuhr zugleich Jüngerflucht und Begleitung durch liebe Menschen.

In dieser ökumenischen "Woche für das Leben" schauen wir auf "menschliches Sterben in Würde". Sterben auf Verlangen zu legalisieren steht im Raum. Was für den Einzelnen ein Selbstbestimmungsrecht zu sein schiene, bringt, so Bischof Felix, gebrechliche, demente Alleinstehende in Gewissensnöte: "Ich falle der Familie doch nur noch zur Last." Eine Gesellschaft, die kein Grab mehr wertschätzend pflegen will, kommt nun zudem in den Verdacht, hohe Pflegekosten einsparen zu wollen oder unbewusst das Existenzrecht seniler Pflegefälle zur Disposition zu stellen.

Johannes Rau gab 2001 zu bedenken: Wer Beihilfe anderer zur Selbsttötung am Lebensende befürwortet, bürdet Helfern lebenslange Gewissensfragen auf. Weiter: "Es sind deshalb so viele Menschen für aktive Sterbehilfe, weil sie große Angst davor haben, am Ende ihres Lebens Leid und Schmerzen nicht mehr auszuhalten, alleingelassen zu sein oder anderen zur Last zu fallen, Schmerzen nicht mehr ertragen zu können und würdelos dahinzusiechen. Ich verstehe diese Angst gut. Ich habe sie auch. Die aktive Sterbehilfe ist aber nicht die einzig mögliche Antwort auf diese verständliche Verzweiflung. Ja, wir brauchen einen anderen Umgang mit dem Sterben und dem Tod. Oft ist schon entscheidend, sie nicht allein zu lassen."

Es gibt ein "aktives" Sterben-Helfen anderer Art, das ich kürzlich mehrfach erleben durfte: Wir lassen dich nicht allein. Du sollst zu Hause sterben dürfen. "Wir sind traurig, dass wir dich verloren haben, dankbar, dass wir dich so lange hatten und froh, dass wir dich bis zum Ende begleiten durften", steht in der Anzeige.

Palliativnetzwerke, ambulante Hospizdienste, ehrenamtliche Besuchsdienste in den Seniorenhäusern, Vereinskameraden, Nachbarn, Freunde und Verwandte können zusammenwirken. Abgebrochene Beziehungen in der mobilen Gesellschaft fördern leider solche Nöte am Lebensende. Unsere hochgerüstete Zeit ist vor neue Herausforderungen gestellt: Angehörige, Ärzte, Pflegende sehen sich schwierigeren Entscheidungen ausgesetzt als früher: Segen und Fluch der Medizin und der hochentwickelten Gesellschaft.

Ich sehe in diesen Tagen wieder die Vorfreude von Eltern auf werdendes Leben: Wenn heute ein Kind 20 Jahre lang ausgebildet wird, müssen wir 82-Jährige nicht in wenigen Monaten "abschreiben". Wer fünf Jahre pflegebedürftig liegt, "lebt" (hoffentlich) in seiner eigenen reduzierten Welt. Bleibende Würde hat er von Gott. Niemand soll künstlich lebensverlängernd gequält werden oder Schmerzen ausgesetzt sein. Menschen sollen in Frieden sterben dürfen. Aber ob "das kein Leben ist", steht unserem Ermessen nicht zu. Auch nicht einer vor zehn Jahren niedergeschriebenen eigenen Verfügung. Gebe Gott, dass jeder von uns wie Maria auf dem Altarbild "an der Hand eines lieben Menschen sterben" kann. Alois van Doornick Pastor in den Kalkarer Orten

Quelle: RP
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