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Korschenbroich
Weltkrieg: Realschüler interviewen Zeitzeugen

Korschenbroich. Sie zogen nur mit dem Nötigsten im Gepäck in Ostpreußen, Schlesien oder Pommern los. Sie verausgabten sich auf ihrem Weg bis zur Erschöpfung, sahen Menschen sterben, hatten Hunger und Angst – und landeten irgendwie in Korschenbroich. Von Nadine Fischer

Wie Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg in Korschenbroich aufgenommen wurden und was sie auf ihrer Flucht erlebten, wollen zehn Neun- und Zehntklässler der Realschule Korschenbroich derzeit ganz genau wissen. In ihrer Geschichtswerkstatt erfassen sie die Erlebnisse von sieben Zeitzeugen.

Die Ergebnisse veröffentlichen die Jugendlichen Ende des Schuljahres auf der Internetseite www.lebensgeschichten.net des Historikers Dr. Martin Rüther. "Während die Senioren erzählt haben mussten wir schon an manchen Stellen schlucken", sagt Mona Fleßer (15). Jeweils zu zweit besuchten die Schüler die einst Vertriebenen, zum Beispiel im Altenheim oder im evangelischen Treff.

Bomben und Missbrauch

Mit der Videokamera ausgerüstet führten sie die Interviews. Die Neunt- und Zehntklässler hörten von nervenzehrenden Scheinhinrichtungen und von Söhnen, die miterleben mussten, wie ihre Mütter auf der Flucht missbraucht wurden. "Eine Frau saß in einem Flüchtlingsschiff und sah, wie das vorausfahrende Schiff von einer Bombe getroffen sank", erzählt Nicole Josten (16).

In Korschenbroich angekommen, war für die Vertriebenen nicht plötzlich alles gut: "In der Heimat waren sie noch angesehene Bürgersleute und hier wurden sie erstmal wie Asylanten behandelt", sagt Eva Hermanns. "Evangelische Flüchtlinge wurden besonders ausgeschlossen. Sie hatten es sehr schwer, eine Wohnung zu bekommen", ergänzt die Lehrerin. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Kathrin Bogedain betreut sie die Geschichtswerkstatt.

Seit Herbst 2009 sammeln ihre Schüler Fotos, telefonieren, wälzen Geschichtsbücher und tippen Texte. Auf der Suche nach Zeitzeugen klapperten sie auf gut Glück Senioreneinrichtungen ab. "Wir sind da einfach rein gegangen", sagt Ines Kafka. Die Projektarbeit hat sie für alte Geschichten sensibler gemacht: "Ich höre mir die Anekdoten meines Opas jetzt mit viel mehr Leidenschaft an", erzählt die 15-Jährige. Nicht selten kamen den Senioren während der Interviews mit den Jugendlichen die Tränen, "man merkt, dass es in ihnen immer noch gärt", meint Eva Hermanns. "Die meisten von ihnen haben gesagt, Korschenbroich sei ihr zu Hause geworden. Aber ihre Heimat sei immer noch da, wo sie ihre Kindheit verbracht hätten."

Quelle: RP
 
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