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Krefeld
Der Regenschirm des Herrn de Greiff

Krefeld: Der Regenschirm des Herrn de Greiff
Gemälde zum Gedenken an Cornelius de Greiff - der Schirm gehört auch in anderen Darstellungen fest zu ihm. Der "Turm" links von der Figur bezeichnet Beträge aus dem Testament de Greiffs, die er sozialen Einrichtungen vermachte - zum Beispiel "Asyl für alte Frauen 50.000 Thlr" oder "Asyl für Geisteskranke 50.000 Thlr." - "Thlr." steht für Thaler. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)
Krefeld. Über ein neues Exponat im Haus der Seidenkultur - nebst einem vergnüglichen Ausflug in die Geschichte des Regenschirms. Von Jens Voss

Manchmal sind es unscheinbare Dinge, die anrühren. Der Schirm ist eine Nachbildung, und doch lässt er das Leben eines seltsamen Mannes ein bisschen plastischer vor Augen treten: Es ist der Schirm von Cornelius de Greiff, einem der reichsten Männer aus Krefelds Geschichte, der als Sonderling und Geizkragen galt und doch mit seinem Testament Geschichte schrieb: Sozialgeschichte, weil er vielen sozialen Institutionen in der Stadt viel Geld vermachte und dadurch alle Reichen der Welt daran erinnerte, dass Geld im Grab wie Staub unter Staub ist.

Ulrike Denter, Kuratorin der Ausstellung "Vom Krähenfeld zur Seidenwelt", mit der Nachbildung des Schirms von Cornelius de Greiff. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Herr de Greiff und sein Schirm: Das Schirmhaus Schnitzler hat dem Haus der Seidenkultur eine Nachbildung des Schirms gefertigt - das kleine schwarze Ding mit dem silbern schimmernden Griff hängt nun unter einem Gemälde, das an de Greiffs Testament erinnert: In plumpem Stil gemalt, ist dort de Greiff zu sehen, den Schirm unterm Arm geklemmt. Hinter ihm türmt sich die Liste seiner testamentarisch verfügten Stiftungen auf - insgesamt 466.000 Taler.

Der Schirm ist auch auf anderen Darstellungen de Greiffs zu sehen; es muss ein schon von den Zeitgenossen als typisch empfundenes Accessoire gewesen sein. Das hängt auch mit der Geschichte dieses kleinen technischen Wunderwerks zusammen, das wir Heutigen wie selbstverständlich nutzen, zu de Greiffs Zeit aber durchaus eine technische Neuerung war und quasi ein Jungenspielzeug. Mitte des 19. Jahrhunderts galt es als modisches Beiwerk des gediegenen Herrn; und die Mode kam aus dem Mutterland des Gentleman: aus England. Dort hatte in London der Philantrop und Wohltäter Jonas Hanway (1712-1786) den Regenschirm populär gemacht - der Mann war so bekannt, dass eine Gedenktafel in Westminster Abbey an ihn erinnert, nicht wegen des Schirmtragens, sondern weil er sich für Findelkinder und Prostituierte eingesetzt hat. Bis dahin war ein Schirm vor allem Sonnenschirm - in England hieß er zeitweise nur "Robinson", Anspielung auf die berühmte Szene aus dem Roman "Robinson Crusoe", in dem der Insulaner und Einsiedler sich einen Schirm aus Tierfell gemacht hat und so seinem Schicksal trotzig Elemente der Zivilisation eingestiftet hat.

So wird der Schirm präsentiert: Er hängt unter dem Gemälde, das wir oben groß abbilden. Charakteristisch ist der Knauf. FOTO: Thomas Lammertz

Um 1800 wog ein Regenschirm noch rund fünf Kilogramm; das Gestell bestand aus Holzstäben und Fischbein. Die technische Entwicklung war rasant: Zwischen 1791 und 1843 wurden allein in Frankreich 60 Patente mit dem Ziel angemeldet, das Gewicht zu verringern. Es gab auch Kuriosa: 1773 wurde der "Blitzableiterschirm" erfunden, wohl inspiriert von dem Blitzableiter, den Benjamin Franklin 1752 erfand. Der Schirm hatte eine Metallspitze und war über eine Kette mit einer Kugel als Erdung mit dem Boden verbunden. Man kann nur hoffen, dass nie jemand diese Erfindung gebrauchen musste.

Dies alles muss man im Kopf haben, wenn man innerlich Herrn de Greiff mit seinem Schirm an sich vorbeispazieren sieht: Der Schirm war technisch interessant, modisch der letzte Schrei und trug über Daniel Defoes Robinsonade einen Hauch von Abenteuer und männlicher Selbstbehauptung an sich: Ein Mann, ein Wort, ein Regenschirm.

So rückt einem de Greiff über dieses Detail seines Lebens etwas näher; und er tut es erst recht, wenn man noch einmal sein Testament durchmustert. Natürlich auch wegen der unglaublichen Summen, die er verschenkt hat - und er schrieb das Testament sechs Jahre vor seinem Tod, also nicht in frischer Todesangst, sondern im Leben stehend. Nein, was an dem Testament rührt, sind die Beiworte, mit denen er der Menschen gedenkt, die ihm wichtig sind: sein "geliebter Bruder Philipp de Greiff", seine "geliebte Nichte, Marianne Rhodius geborene de Greiff", seine "geliebte verewigte Mutter". Seiner langjährigen Haushälterin Julie Schwartz vermachte er ebenso 12.000 Taler wie seinem "Freund Montandon". Er bedenkt alle seine Hausbediensteten und bittet eine Reihe von Männern, denen er vertraute, als "meine geschätzten Mitbürger", ein Komitee zur Verwaltung der Stiftungen zu gründen.

Zum Schluss überantwortet er alles göttlicher Fürsorge: "Ich füge dem, das ich hier niederschreibe, als Schlusswort noch hinzu: An Gottes Segen ist Alles gelegen! - Möge dieser Segen des Vaters den hier erstrebten Zwecken nicht fehlen u. viel Gutes daraus hervorgehen."

Cornelius de Greiff starb 1863, 1865 errichtete die Stadt ihm auf dem Ostwall ein Denkmal: die De-Greiff-Säule. Sie wurde 1943 beim Bombenangriff auf Krefeld zerstört; ihre Reste lagern auf einem Betriebshof der Stadt. Ein ungleich kleineres, aber menschlich anrührendes Denkmal hängt nun im Haus der Seidenkultur: die Erinnerung an den Schirm des Herrn de Greiff.

Quelle: RP
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