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Krefeld
Der ständige Kampf der Archivare gegen Schimmel

Krefeld. Viele Besucher nutzten die Führungen am Tag der Archive, um einen Blick in den sonst verschlossenen Archivbereich des Stadtarchivs zu werfen. Von Otmar Sprothen

"Mobilität im Wandel" war das Motto des bundesweiten Tages der Archive, an dem sich auch das Krefelder Stadtarchiv mit dem Schwerpunktthema "Migrationsgeschichte(n) aus Krefeld" beteiligte. Menschen zogen aus unterschiedlichen Anlässen und selten ungezwungen über Grenzen und Kulturräume hinweg. Welche Möglichkeiten das Stadtarchiv bei der Darstellung dieses nicht so sehr im Vordergrund stehenden Aspekts der Krefelder Stadtgeschichte bietet, sollte beispielhaft die kleine Archivalien-Ausstellung zeigen, die unter der Überschrift "Auswanderung, erzwungene Auswanderung, Einwanderung, Vertriebene, Gastarbeiter und Flüchtlinge" Krefelder Einzelschicksale von der frühen Neuzeit bis heute vorstellte.

Eingerahmt in Zeitungsseiten mit großen Anzeigen, in denen die "Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft" oder der "Norddeutsche Lloyd" für preiswerte Überfahrten nach Amerika warben, war ein Schreiben des Linner Bürgermeisters an den königlichen Landrat für Krefeld und Uerdingen von Leisner aus dem Jahre 1874, in dem dieser um einen "Auswanderungs-Consens für eine Linnerin einkahm: Die am 27. März 1823 zu Linn geborene und wohnende erwerbslose Maria Catherina Küsters ist ... gesonnen, nach Nord-Amerika auszuwandern. Da sich dieselbe soviel mir bekannt immer gut betragen hat, so bitte Ewer Hochwohlgeboren ich gehorsamst, den von ihr nachgesuchten Auswanderungs-Consens hochgeneigt erwirken zu wollen."

Auf den Kampf mit den Behörden folgte eine mehrwöchige Überfahrt im preiswerten Zwischendeck eines Seglers. So lag das Faksimile einer Beschwerde über die Verpflegung auf dem österreichischen Schiff "Giuseppe Baccarcick" bei der Auswanderungskommission in New York gleich neben der Anfrage des Linner Bürgermeisters. Der Krefelder Auswanderer führte Klage über die Verpflegung: Es habe an Lebensmitteln gemangelt, "das Wasser, welches in Petroleumfässern gelagert worden, nicht trinkbar, das gelieferte Brot modrig gewesen und es weder Thee noch Zucker gegeben habe und die Kartoffeln verfault gewesen seien."

Das Stadtarchiv ist so etwas wie das Gedächtnis der Stadt Krefeld. Die älteste hier aufbewahrte Urkunde stammt aus dem Jahre 1216. Das Stadtarchiv sammelt alles, was erkennbar für die Geschichte der Stadt von Bedeutung ist, also Akten, Amtsblätter, Urkunden, Karten, Pläne, Fotos, Bild- und Tonaufnahmen und neuerdings digitale Aufzeichnungen. Daneben übernimmt das Archiv Nachlässe privater Personen, Archive von Vereinen, Kirchen, Parteien und Firmen, wenn sie einen Bezug zu Krefeld haben. Trotz des massiven Aktenverlusts im Zweiten Weltkrieg füllen die heutigen Bestände eine Regallänge von 3,5 Kilometern. "Bei fünf Kilometern ist Schluss", sagt Christoph Moß, der stellvertretende Leiter des Archivs. "Dann können wir nichts mehr aufnehmen." Wenn demnächst die alte Botenmeisterei in unmittelbarer Nachbarschaft durch den Neubau des städtischen Dienstleistungszentrums ersetzt wird, soll das Archiv eine Etage für seine Erweiterung erhalten.

Die Digitalisierung der Bestände ist die große Zukunftsaufgabe, vor der die zehn hauptamtlichen und zwei ehrenamtlichen Mitarbeiter stehen. "Zug um Zug wird die Digitalisierung alle Bereiche der städtischen Verwaltung erfassen", erklärt Moß, "da können wir nicht abseits stehen."

Wie andere Archive auch, so arbeitet das Krefelder Stadtarchiv eng mit dem Kommunalen Rechenzentrum zusammen, um sich darauf vorzubereiten, interessante Fachverfahren der Verwaltung ohne übermäßigen Aufwand schnell digitalisieren zu können. Allerdings sind hier noch viele technische Fragen zu klären, denn elektronische Medien haben nicht die Lebensdauer von Papier.

Der größte Feind des Papiers ist wegen seiner Säurehaltigkeit der Schimmel. Daher werden die Archivräume ständig auf eine gleichbleibende Raumtemperatur von 20 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 45 Prozent kontrolliert.

Neue Bestände, die das Archiv erreichen, werden in säurefreie Hüllen gesteckt und auf eingeschleppte Schädlinge untersucht. Von Schimmel befallene Archivalien werden nicht angenommen.

Ziel des Krefelder Stadtarchivs ist, zentraler Forschungspunkt für die Stadthistoriker und die Ahnenforscher zu werden. Es konnte viele bedeutende Sammlungen von Privatleuten und städtischen Einrichtungen übernehmen. Eine der letzten war das Archiv des Stadttheaters. Obwohl es für das Archiv des Kaiser-Wilhelm-Museums eine Archivordnung hergestellt hat, wollte das Museum weiter über seine Sammlung verfügen, so dass Interessenten, die im Stadtarchiv den Katalog einsehen, danach zum Karlsplatz fahren müssen, um dort mit den Unterlagen zu arbeiten.

Quelle: RP
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