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Krefeld
Der Zeitreisende

Krefeld: Der Zeitreisende
Christoph Reichmann im Museum Burg Linn leitete das Museum Burg Linn seit 1996; seine Karriere als Archäologe begann spätestens, als er 14 Jahre alt war. FOTO: Thomas lammertz
Krefeld. Christoph Reichmann, Leiter des Museums Burg Linn, blickt auf ein reiches Forscherleben zurück. Seine Leidenschaft für die Archäologie begann mit einem Eklat. Von Jens Voss

Seine erste Ausstellung wurde zwangsgeräumt. 1966 wanderte Christoph Reichmann mit seinen Brüdern Wilhelm und Thomas in den Ferien durch den Hürtgenwald bei Aachen. Die Jugendlichen sammelten - nun ja, wie sagt man so schön - Artefakte aus dem Zweiten Weltkrieg. Schließlich hatte in dem Wald 1944 eine der schrecklichsten und sinnlosesten Schlachten in der Schlussphase des faktisch entschiedenen Krieges stattgefunden. 1967 später organisierten Christoph und Wilhelm in einer leerstehenden Wohnung in ihrem Heimatort Haldern eine Ausstellung mit Weltkriegsrelikten. Sie wurde vom Kampfmittelräumdienst geschlossen - es waren zu viele Granaten darunter. Jedenfalls: Die Leidenschaft von Christoph Reichmann für Geschichte und Dinge, die von ihr zeugten, war manifest.

In der Rückschau ist es irgendwie klar, dass so einer später Geschichte und Archäologie studiert und Leiter des Museums Burg Linn geworden ist. Reichmann wurde nun pensioniert, mit einer opulenten Festschrift von Kollegen geehrt und blickt auf ein reiches Forscherleben zurück.

Ein Bleitäfelchen aus dem 4. Jahrhundert mit einer erstaunlichen Geschichte: Es zeigt acht bewusst verkehrt geschriebene Namen und einen Fluch für die Unterwelt. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Sein Interesse für Geschichte zeigte sich früh und fast unvermittelt präzise. Aufgewachsen in Haldern mit acht Geschwistern, ging er ins Collegium Augustinianum Gaesdonck zur Schule - ein katholisches Internat im niederrheinischen Goch mit exzellentem Ruf. Reichmann berichtet, wie er als 14-jähriger Junge die Gegend um die Gaesdonck durchstreifte und fasziniert erlebte, wie ein Bauer eine Granate aus dem Boden gepflügt hat. Der Schüler fing dann an, systematisch die Gegend abzusuchen, einfach so, ohne vorher groß in Handbüchern der Archäologie gelesen zu haben. Es interessierte ihn einfach. "Mit 16, 17 habe ich bei Asperden erste steinzeitliche Artefakte gefunden", sagt er. Pfeilspitzen steinzeitlicher Jäger zum Beispiel. Reichmann ist kein Prahlhans der Wissenschaft. Er erzählt eher wie nebenbei großartige Geschichten, denen man gefesselt folgt. Er ist wohl einfach gewöhnt an großartige Geschichten. So wie er daran gewöhnt ist, dass große Museen um Exponate aus seinem Haus bitten. So kann er schon mal zerstreut die Bemerkung fallenlassen, "irgendein französisches Museum" habe um den Goldhelm nachgesucht - und auf Nachfrage, welches Museum, sagt er dann immer noch zerstreut: "Ach so, ja, der Louvre." So ist das, wenn jemand Dinge der Weltkultur bewahrt.

Reichmann hat nach Studium und Promotion als junger Wissenschaftler beim Landschaftverband angefangen und etwa im Braunkohlerevier im Münsterland Siedlungsgrabungen durchgeführt. Zu den bedeutendsten Funden seiner frühen Zeit gehörte ein fränkisches Grab in Bislich bei Xanten: "Ich hatte Grab 16, und dann hatte ich plötzlich eine goldene Scheibenfibel in der Hand, und dann kam eine goldene Kette mit Anhängern wie Goldmünzen hinterher. Es war ein ganz reiches Frauengrab." Finderglück eines jungen Archäologen.

Die Kante am Schädel zeigt: Dieser Mensch starb durch einen Hieb, ausgeführt wahrscheinlich mit einer Axt, und zwar bei der Zerstörung des Kastells Gelduba im Jahr 352. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

1980 lernte er bei einer Tagung seine Vorgängerin Renate Pirling kennen, jene Frau, die sich mit dem Fund des Goldhelms in die Archäologie-Geschichte eingeschrieben hat. Sie war überzeugt von der fachlichen Qualität des jungen Mannes und vereinbarte mit ihm, dass er nach Krefeld kam. Sie blieb überzeugt von ihm, so sehr, dass sie ihn zur Nachfolge für ihr Amt empfahl. 1996 übernahm Reichmann dann offiziell die Leitung des Museums Burg Linn.

Gefragt nach Lieblingsstücken, verweist er etwa auf ein Bleitäfelchen aus dem vierten Jahrhundert, das mehr wie ein Blatt Papier wirkt. Es sei, berichtet er, sehr unterschiedlich "gelesen", sprich gedeutet worden. Die Lesart heute: Auf dem Plättchen stehen acht Namen, allesamt aus dem Orient stammend und rückwärts geschrieben; dazu der Satz "Wie dies verkehrt geschrieben steht, so werden die Götter jene verachten". Der Schreiber hat das Plättchen dann in einem Grab aus dem ersten Jahrhundert versenkt - es diente als Eingang in die Unterwelt. "Wahrscheinlich hat jemand eine Stubenbesatzung gemeint", sagt Reichmann - ein Voodoo-Fluch unter römischen Soldaten. Sie sollten noch im Tode leiden.

Ein Glas, das wohl zum Besitz eines römischen Offiziers gehörte. Glas wurde vor allem in Köln hergestellt, wo aus dem Quarzsand, der dort zu finden war, im großen Stil Glaswaren produziert wurde. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Reichmann ist mit seiner Familie in Linn heimisch geworden; dort hat er ein Haus erworben - und er wäre nicht er, wenn es nicht auch Studienobjekt gewesen wäre: Reichmann verfolgte seine Geschichte bis ins Jahr 1550 zurück und entdeckte bei einer Grabung im 1784 verfüllten Keller ein komplettes Geschirr.

Bisher hat er 181 Arbeiten veröffentlicht; bei elf Publikationen war er Mitautor oder Mitherausgeber. Es wird nicht dabei bleiben; es gibt noch viel zu dokumentieren, das er entdeckt hat. Und zu graben gibt es sowieso genug. Im Grunde ist er der Junge geblieben, der fasziniert die Gegend absucht. Für Zeitreisende wie ihn enden diese Reisen niemals.

Quelle: RP
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