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Krefeld
Die Kleider der Samurai

Krefeld: Die Kleider der Samurai
Kaum getragen und nur von den Spuren der Zeit beeinträchtigt ist die Rüstung eines Samurai. Sie ist sehr prunkvoll und wurde vielleicht zum Besuch beim Shogun am Hofe getragen. Der Helm ist innen vergoldet. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)
Krefeld. Das Deutsche Textilmuseum zeigt ab morgen Prachtstücke aus seiner in Europa einmaligen Sammlung von Samurai-Gewändern und Kimonos aus der Edo-Zeit. Eine Schau zum Staunen und Entdecken einer fremden Kultur. Von Petra Diederichs (Text) und Thomas Lammertz (Fotos)

Nichts im Leben eines Samurai war dem Zufall überlassen. Wenn ein japanischer Junge mit drei Jahren die Ausbildung zum Krieger antrat, war nicht nur sein Tagesablauf ritualisiert: Jede Bewegung - ob im Kampf oder beim Hinsetzen zum Tee - folgte festen Regeln. Natürlich auch seine Kleidung. Eine prächtige Rüstung und Gewänder zeigt das Deutsche Textilmuseum ab morgen in der Ausstellung "Kirschblüten und Haifischhaut - Textilien der Samurai und Bürger in der Edo-Zeit".

Es ist eine aufsehenerregende Schau. Nicht nur wegen der Farbenfeuerwerke auf einigen Kimonos. Denn das Haus besitzt eine in Europa einmalige Sammlung von japanischen Komon-Gewändern mit den typischen winzigkleinen Mustern, die ursprünglich den Samurai vorbehalten waren, und traumhaft schöne Kimonos, die in dieser großen Anzahl erstmals gezeigt werden. Knapp 100 Exponate führen in eine faszinierende, fremde Welt - 75 sind aus der hauseigenen Sammlung. "Es war nicht leicht, eine Auswahl zu treffen", sagt Walter Bruno Brix. Der Experte für japanische Textilien hat die Schau kuratiert, "und dabei bin ich fast hintenüber gefallen: Was gibt es hier für Schätze. Wohl in keiner Sammlung außerhalb Japans gibt es so viele Komon-Gewänder."

Komons wirken für flüchtige Betrachter unscheinbar. Komon ist die Bezeichnung für kleine Muster, die sich dem Betrachter oft erst offenbaren, wenn er den Stoff fast mit der Nasenspitze berührt. Einem Japaner so nahe zu treten, ist nur für engste Vertraute schicklich. Auf die Entfernung wirken die mantelartigen Gewänder aus Seide oder Leinen schlicht, fast monoton. "Wahrscheinlich waren sie für europäische Touristen zu langweilig, um sie mitzunehmen", meint Brix. Wer die kleinen Blüten oder Blätter, die Kreuze oder Schiffe - kaum größer als Flöhe - entziffert, könnte japanische Familienforschung betreiben. "Die Muster erzählen Geschichten, jede Familie hatte ihr eigenes Muster und das Wappen, das auf Schultern und Rücken aufgestickt wurde", erklärt der Japan-Kenner. "Das ist eine Ästhetik, die nicht sofort begeistert, man muss sich erst darin vertiefen." "Haifischhaut" - den sich überlagernden Schuppen des Hais abgeschaut - gehört zu den traditionellen Samurai-Mustern. Die zarte Musterung entstand beim Färben: Mit Schablonen aus Maulbeerbaumpapier und Reispaste wurden ähnlich wie beim Batiken winzige Stellen ausgespart, die sich später als weiße Motive abhoben.

Die Schau gibt einen Einblick in die Edo-Zeit von 1603 bis 1868. In jener Zeit haben auch Bürger die Komon-Gewänder der Samurai übernommen und zur Mode gemacht. Farbe kam ins Spiel. Händler aus Edo haben eigene Muster für sich erfunden, die kleine Waagen oder Symbole für ihre Waren darstellten. Auch im traditionellen Nô-Theater fanden Komons Einsatz. Am leuchtenden Rot sah der Zuschauer, dass er es mit einer jungen Frau zu tun hatte. Denn alle Rollen wurden ausschließlich von Männern gespielt. Eine Regel aus der Theaterwelt: Je gedeckter der Rot-Ton, desto älter die Dame. Farbenfrohe Überwürfe zeigten dem Publikum an, dass eine heitere Einschub-Episode folgte, um den tragischen Inhalt des Nô-Spiels aufzulockern. Solche Gewänder waren opulente "Lesebücher" mit feinsten Stickereien, die weitaus mehr sind als Dekoration. Das ungeübte Auge sieht einen zarten Kirschblütenzweig vor einer gestreiften Fläche. Mit Anleitung der Begleittexte weiß er: Die Streifen bilden einen Vorhang ab. Hinter dem Vorhang feiern gut Betuchte "Hanami", das Kirschblütenfest. "Das ist typisch für Japaner. Sie stellen etwas zur Schau, aber dahinter ist etwas, das nicht verraten wird. Man erhascht nur einen Moment, der Rest muss im eigenen Kopf ablaufen", sagt Brix. Schon als Junge hat ihn solche Undurchschaubarkeit fasziniert für die fremde Kultur. Damals hat er sich für japanische Kunst des Blumenarrangierens, Ikebana, interessiert, hat früh begonnen, Kimonos mit der Hand zu nähen - was er heute unterrichtet. Brix hat später Japanologie studiert, spricht fließend Japanisch und hat sich in Japan in den historischen Techniken des Webens ausbilden lassen.

Er gerät ins Schwärmen, wenn er auf die hervorragend restaurierten Schmuckgewänder im Obergeschoss verweist. Üppige Chrysanthemen, Maulbeerbaumblätter und Tiere zieren Kimonos für Frauen. "Karaori" heißen die textilen Kunstwerke, deren Wert nicht beziffert wird. Eine Rekonstruktion aus dem 20. Jahrhundert offenbart die Farbpracht eines mit Chrysanthemen übersäten Gewandes aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. "Auch heute noch ist es in Japan geläufig, etwas als ,prachtvoll wie ein karaori' zu bezeichnen", erzählt der Kurator.

Die feinen Gewebe sind oft mit vergoldeten Papierstreifen veredelt. Jedes Gewand schickt die Augen auf Safari. "Es ist den früheren Museumsleitern Wolfgang Schümann und Brigitte Tietzel zu danken, dass sie Gewänder in die Sammlung aufgenommen haben", sagt Isa Fleischmann-Heck vom Textilmuseum. Denn zuvor gehörte Kleidung nicht zum Sammlungsschwerpunkt des Hauses. Aus früher Zeit gibt es aber wertvolle Mustersammlungen und Stoffbahnen aus Japan. Doch im Zweiten Weltkrieg ist das Museumsarchiv zerstört worden, es gibt keine Dokumentation über Herkunft und Alter der Fragmente. "Wir wünschen uns, dass Brix einen Bestandskatalog erstellen könnte", sagt Museumsleiterin Annette Schieck. - Der Experte wäre davon ebenfalls begeistert. Dann würde er sicher noch manches Geheimnis lüften. Der Geschichte der Samurai-Rüstung ist er schon auf der Spur: Sie könnte im 19. Jahrhundert aus anderen Rüstungen zusammengesetzt worden sein: "Das war in Japan üblich". Sie besteht aus einzelnen Plättchen, die mit Seidenbändern verbunden sind. Die Seide ist mit den Jahren trocken und brüchig geworden. "Aber sonst wirkt die Rüstung relativ ungetragen. Der Helm ist vermutlich am ältesten und kostbar, weil er von innen vergoldet ist".

Quelle: RP
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