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Krefeld
Hallo, Durchschnittsmensch

Krefeld: Hallo, Durchschnittsmensch
Namika in der Krefelder Kulturfabrik. FOTO: Thomas Lammertz
Krefeld. Sie sollte Hip Hop weiblicher machen, lässiger und humaner: Namika, 24, aus Frankfurt. Doch beim Auftritt in der Kufa zeigt sich, dass die Erwartungen an die "Lieblingsmensch"-Sängerin vielleicht einfach zu hoch sind. Von Henning Rasche

Vor der Rückfahrt muss man im Handschuhfach erstmal die alte Platte von den Beginnern suchen. Irgendwo liegt sie da, eingequetscht, zwischen all den anderen alten Scheiben von den Künstlern, die man mal so mochte, dass sie es wert waren, gekauft zu werden. So richtig auf CD. Das Auto fährt, durchzogen von den tiefen guten Bässen, und aus den Lautsprechern dröhnen Jan Delay, DJ Mad und Denyo. Feinste heile Hip-Hop-Welt.

Als Namika die Bühne betritt, da weiß man gar nicht so genau, wer sie ist. Eine Frau in dunklem T-Shirt steht vor dem Mikrofon und singt Namikas Namen. Ist sie das schon? Oder doch nicht? Nein, es ist die Frau in der roten Bomberjacke, mit dem bauchfreien weißen Top darunter und der hellen Bluejeans. Die Jacke kaufen sich Mädchen um die 16 schon während des Konzerts im Kufa-Shop - wer weiß, ob ihre Größe später vergriffen sein wird.

Die "Lieblingsmensch"-Tour der Frankfurterin Namika, Jahrgang 1991, hat in der Krefelder Kufa Station gemacht. Namika, die bürgerlich Hanan Hamdi heißt und Wurzeln in Marokko hat, wird dafür gefeiert, dass sie weiblicheren Hip-Hop produziert. Wobei eigentlich bereits das die Frage aufwirft, ob man einen Musikstil geschlechtlich differenzieren kann. Die dringende Antwort muss lauten: Nein, das geht nicht. Und das würde auch niemandem helfen, schon gar nicht Namika. Die spielt nämlich hier und da ein paar gute Popsongs, aber sehr wenig Hip-Hop. Die Trennlinie verläuft also zwischen Pop und Rap. Aber, bitte, im Jahr 2016, nicht mehr zwischen männlich und weiblich.

Hip-Hopper waren mal die harten Jungs mit den nackten Frauen, den Goldketten und den prolligen Wagen. Die Leute, die sich gegenseitig beleidigt haben - und am Ende wusste überhaupt gar keiner mehr warum. Heute gibt es das auch noch, hier und da, zwischen ein paar ewig Gestrigen. Aber die zetteln "Beef" an, um ihre Platten zu verkaufen, von denen sie kaum noch leben können. Hip-Hop muss sich, wie jede Musikrichtung, entwickeln. Es gab vor ein paar Jahren die Hamburger Hip-Hop-Schule mit den Jungs von den Beginnern, Deichkind oder Samy Deluxe. Es gibt Prinz Pi oder Megaloh. Und jetzt gibt es halt eben auch Namika.

Es dauert bis kurz vor halb zehn, dass sie in der Kufa überhaupt die Bühne betritt. Das ist nicht gut für den Spannungsbogen; die Leute zahlen ja Geld, weil sie Namika sehen wollen und nicht, weil die beiden "Supporter", wie Vorbands heute heißen, so toll die Stimmung einheizen. Schon hier lässt sich aber beobachten, dass die Leute klatschen wie im Musikantenstadl. Der Mann, der sich Benjo nennt, und vielleicht anders geschrieben wird, bewegt sich eher wie Florian Silbereisen als wie Haftbefehl, oder wenigstens Sido.

Nichts erinnert an ein Hip-Hop-Konzert, wo das Erkennungszeichen durch die Gegend fliegende Arme sind, die mehr oder weniger im Takt Coolness transportieren. Wo Feuerzeuge hochgehalten wurden, leuchten heute Taschenlampen-Apps die Romantik aus. Wo früher abgewetzte Sweatshirts getragen werden, sind heute Designerhemden an der Tagesordnung. Viele haben ihre Lieblingsmenschen dabei, oder diejenigen, die es einmal werden sollen.

Namika macht dann auch Musik, die Komplexität reduziert. Sie singt von den "90s Kids", wo alles supi war, wo der Gameboy noch so groß war wie ein Kühlschrank, und Super Mario Kult. "Und alle 90s Kids schreien mit: Was für eine schöne Zeit / Was für eine schöne Zeit", sagt sie. Der Wunsch, im gestern zu leben, der Rückzug ins Nest, in die Niedlichkeit der eigenen Vergangenheit verspricht etwas Besänftigendes, etwas beruhigend Schönes. Wenn die Welt da draußen komplexer wird, die Dinge schwieriger, dann wünscht man sich halt, dass alles ist wie früher. Als der DJ noch Tupac spielte und alles nach Hubbabubba roch.

Freunde, will man Namika zurufen, werdet mal erwachsen. Und gleichzeitig sieht man die Leute, die das super finden, was sie macht. Namika spricht für die Generation Turnbeutel, für die "Egal"-Fraktion. Für junge Leute, denen Haltungen eher fremd sind. Die sich eher darüber Gedanken machen, ob die neuen Nikes zur neuen Haarfarbe passen. Und genauso klingt die Musik von Namika. Eintönig, vieles ist gleich, manches noch gleicher. Das Konzert ist fast langweilig, nur wenig lichte Momente durchbrechen die Tristesse.

Wenige Lieder von Namika haben richtig Kraft, dass es einen durchfährt, man auflebt und das Gefühl hat, man müsse mit den Füßen den Boden schrubben und richtig abgehen. "Wenn sie kommen" ist so ein Song. Eigentlich herrlich, nur, dass bei der wunderbaren Melodie der Sound versagt und der Moment etwas untergeht. Die Stimmung kocht auch dann auf, ausgerechnet, als sie ein Stück eines anderen spielt: "No diggity". Auf den Lieblingsmenschen, das Nummer-eins-Lied, muss das Publikum, das so brav ausgeharrt hat, ganz bis zum Ende warten.

Namika tritt bei einem Akustik-Teil des Konzerts auf, wie eine Singer-Songwriterin, ohne genau zu wissen, was das eigentlich sein soll. Aber sie sitzt auf einem Barhocker und erklärt, was sie tut. Sie erklärt ohnehin viel zu viel. Jedes Stück arbeitet sie auf der Bühne historisch auf, erzählt, dass sie "Herzrasen" mit einem Kumpel geschrieben hat, den sie damals noch gar nicht kannte. Man kann das unlogisch finden oder halt einfach hinnehmen. Sie verhält sich auch ungeschickt, als sie die Umbaupause nicht zu überbrücken weiß. Sie steht einfach dort und tropft sich mit einem weißen Handtuch Schweiß von der Stirn. Und wartet. Das ist irgendwie dilettantisch - Pardon.

Das Konzert ist natürlich nett, es ist alles nicht furchtbar. Aber es könnte deutlich besser sein - auch weil Namika ihr Handwerk eigentlich beherrscht. Leider hat man ihr aus Verkaufsgründen geraten, populäre Musik zu machen. Herausgekommen ist nach ihrer Vergangenheit als sogenannte "Gangster-Rapperin" leider Konsummusik. Sounds, die man konsumieren kann, bei denen man noch allerlei andere Dinge tun könnte, etwa ein Buch lesen. Aber keine Sounds, die aufhorchen lassen, die provozieren, die aufwecken. Die Handlungsanweisung geben. Nein, bei Namika ist alles gut. Aber, mit Verlaub: Da draußen ist nicht alles gut.

Quelle: RP
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