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Krefeld
Künstler verlegt Steine zur Erinnerung an NS-Opfer

Krefeld: Künstler verlegt Steine zur Erinnerung an NS-Opfer
Bruchstraße 31: Die Metzgerfamilie Max Meyer kam aus Lank-Latum nach Uerdingen. Die meisten Familienmitglieder starben in Konzentrationslagern. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)
Krefeld. Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen aus der Jüdischen Gemeinde, die über die während der Zeit des Nationalsozialismus deportierten, erniedrigten und ermordeten Menschen berichten können. Michael Rabanus kommt mit seinem hochbetagten Vater morgen aus Leverkusen, um an das Schicksal der Familie Daniels zu erinnern, die an der Alten Krefelder Straße gelebt hat. Von Norbert Stirken (Text) und Thomas Lammertz (Fotos)

Zum ersten Mal verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig (67) morgen Stolpersteine zur Erinnerung an Opfer der Nationalsozialisten im Stadtteil Uerdingen. Und zum ersten Mal in Krefeld wolle der Oberbürgermeister der Stadt diesem Akt des Gedenkens beiwohnen, berichtete Sibylle Kühne-Franken für den Verein Villa Merländer. Demnig startet mit der Verlegung von 20 Gedenksteinen morgen um 13 Uhr an der Alten Krefelder Straße 39. Danach geht es zur Bruchstraße 31 und dann nach Bockum. Auch das Tiefbauamt hat dieses Mal seine Hilfe beim Verlegen zugesagt. Anwesend sein werden neben dem Künstler Günter Demnig und den Vertretern des Vereins Villa Merländer, der die Aktion organisiert hat, Oberbürgermeister Frank Meyer, Bezirksvorsteher Jürgen Hengst. Die Daten über die verfolgten Familien hat Ingrid Schupetta, Leiterin der NS-Gedenkstätte Villa Merländer, recherchiert.

Alte Krefelder Str. 39 - Familie Daniels: In dem Wohnkomplex an der Alten Krefelder Straße wohnte die Familie Daniels, bestehend aus der Witwe Marta Daniels und ihren Kindern Kurt, Ruth und Werner. Der Vater war Kaufmann und hatte das traditionelle Familiengeschäft, einen Handel mit Gebrauchspferden, nach einigem Zögern übernommen. Doch die Geschäfte liefen schlecht, und er musste während der Weltwirtschaftskrise schließen. Im Juli 1932 starb der Vater Hermann Daniels.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Kurt seine Lehre im Textilhandel abgeschlossen und arbeitete in verschiedenen vorwiegend jüdischen Firmen. Auch Ruth Daniels hatte die Höhere Schule bereits verlassen und nahm verschiedene Stellungen als Sekretärin an. Die Geschwister verloren wiederholt die Arbeit, weil jüdische Inhaber schließen mussten. Nesthäkchen Werner hatte einstweilen das Privileg, das Realgymnasium am Moltkeplatz zu besuchen. Als seine Mutter das Schulgeld nicht mehr aufbringen konnte, bekam der Junge sogar ein Stipendium.

Obwohl der Antisemitismus auch in Uerdingen deutlich spürbar war, überraschte der Gewaltausbruch des Novemberpogroms die Daniels. Der Familie passierte zwar nichts, aber man bekam nur zu deutlich mit, was anderen zustieß. Die Kinder beschleunigten ohnehin bestehende Pläne, das Land zu verlassen. Ruth fand 1939 anscheinend ohne größere Probleme eine Anstellung als Krankenschwester in London. Kurt und Werner flohen im März 1939 im Abstand einiger Wochen nach Belgien, wo die Familie Verwandtschaft hatte. Werner, der im Februar noch sein Abitur hatte machen können, hoffte, dass er in Belgien oder Frankreich studieren würde können. Die Mutter Marta zog 1942 nach Wuppertal, weil sie ihren Bruder, der als Soldat im Ersten Weltkrieg erblindet war, nicht allein lassen wollte. Sie wurde1942 aus Wuppertal nach Theresienstadt und von dort 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert.

Der Einmarsch der Deutschen in Belgien veranlasste Kurt und Werner nach Südfrankreich zu fliehen. Sie wurden jedoch wenige Monate später in den Lagern für unerwünschte Ausländer nördlich der Pyrenäen festgesetzt. Kurt wurde aus einem Lager über Drancy nach Auschwitz gebracht und dort 1942 ermordet. Werner war aus dem Lager geflohen und hatte sich der Résistance angeschlossen. Unter dem Namen René Dizier erlebte er die Befreiung. Wie seine Schwester Ruth kehrte er nicht nach Deutschland zurück.

Alte Krefelder Straße 39: Die Kinder der Familie Daniels flohen vor den Nazis ins Ausland. Sohn Werner schloss sich in Frankreich dem Widerstand an. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Bruchstraße 31 - Familie Mayer: Das Ehepaar, Max Mayer und seine Frau Rosel geborene Kaufmann, wohnte ursprünglich in Lank-Latum. Auch die drei Kinder wurden dort geboren: 1921 kam Ruth zur Welt, 1924 das Zwillingspaar Doris und Alfred. Max Mayer eröffnete 1930 sein eigenes Ladengeschäft in Uerdingen. Die Metzgerei befand sich in einem Haus, in dem seine Schwiegermutter wohnte. Rosel Mayer, die eigentlich Putzmacherin gelernt hatte, stand dort dann als "mithelfende Familienangehörige" hinter der Theke.

Während des Novemberpogroms wurde Max Mayer verhaftet und nach Dachau deportiert. Er wurde aus dem Lager entlassen, um seinen Betrieb zu verkaufen. Danach wurde er beim Tiefbau zwangsverpflichtet. Ob die Familie zu diesem Zeitpunkt versuchte, aus Deutschland zu fliehen, ist nicht dokumentiert.

Die ganze Familie Mayer wurde am 25. Oktober 1941 bei der ersten Deportation aus Krefeld nach Lodsch (Litzmannstadt) "umgesiedelt". Sie schafften es dort, bis kurz vor der Auflösung des Ghettos zusammenzubleiben.

1944 wurde Alfred in ein anderes Arbeitslager deportiert. Er überlebte. Ruth verschleppte man nach Kulmhof, wo sie ermordet wurde. Die Wege der restlichen Familie gingen erst im August 1944 in Auschwitz auseinander. Rosel und Doris starben im Konzentrationslager Stutthof. Max Meyer überlebte die Befreiung in Bergen-Belsen nur um einen Monat.

Uerdinger Straße 420 - Familie Gompertz: Haus Schönhausen wurde 1918 (samt umliegendem Park) an Max Gompertz verkauft, der dort mit seiner großen Familie einzog. Aus einer ersten Ehe hatte der Witwer vier Kinder: Henriette, Georg, Klara und Ruth, die zwischen 1902 und 1911 geboren worden waren. Die Älteste war zum Zeitpunkt des Kaufes gerade 16 Jahre alt. Mit seiner zweiten Frau Ilse geborene Neustadt bekam Max eine weitere Tochter, die Esther genannt wurde. Sie kam am 29. Januar 1919 zur Welt.

Haus Schönhausen an der Uerdinger Straße 420: Max und Ilse Gompertz, die mit ihrer Familie dort wohnten, wurden 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet. FOTO: Lammertz, Thomas (lamm)

Max Gompertz war kein erfolgreicher Geschäftsmann. Durch die Weltwirtschaftskrise verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der Familie. Sie musste 1932/33 das Haus verkaufen. Es ging an die Stadt Krefeld. Bis 1936 war es Max Gompertz jedoch möglich, mit seiner Frau und den Kindern Georg, Ruth und Esther im Haus Schönhausen wohnen zu bleiben.

Nicht ganz freiwillig zog die Familie aus, zunächst in die Elisabethstraße. Nach dem Novemberpogrom flohen Ruth und Esther im Dezember 1938 nach Australien, Georg nach Shanghai. Das Elternpaar wurde 1941 zum Umzug in das "Judenhaus" Stadtgarten 12 gezwungen. Am 25. Juli 1942 gehörten sie zu den 223 Menschen im Alter von über 65 Jahren, die in das Lager Theresienstadt deportiert wurden. Max und Ilse Gompertz wurden im September 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

Auch die beiden Töchter, die das Elternhaus schon lange verlassen hatten, wurden von der Judenverfolgung erfasst. Henriette Bernheim wurde in Auschwitz-Birkenau ermordet. Klara Stern beging nach der Zustellung des Deportationsbefehls Selbstmord.

Bogenstraße 73 - Familie Wihl/ Goldstein: Das Haus Bogenstraße 73 war im Besitz der Familie Wihl. Genauer gesagt, gehörte es der Witwe Wilhelmine Wihl, geborene Leyser (1865). Es war das Elternhaus ihrer fünf Kinder Hedwig , Emil, Thekla, Friedrich-Josef und Erna Wihl. Erna Goldstein, geb. Wihl lebte dort mit ihrem Mann Alfred Goldstein und dem am 8. Juni 1922 geborenem Sohn Edgar. 1935 muss Alfred Goldstein sich unvorsichtig geäußert haben oder sonst wie aufgefallen sein, jedenfalls wurde ihm "Heimtücke" vorgeworfen. Da das seinerzeit als politische Straftat galt, brachte er sich über die Grenze in die Niederlande in Sicherheit. Frau und Sohn folgten ihm. Die ganze Familie wurde 1939 aus dem Deutschen Reich ausgebürgert.

Derweil starb Wilhelmine Wihl 1938 - mit 82 Jahren - einen natürlichen Tod. In der Bogenstraße wohnte noch der zweite Sohn Friedrich-Josef. Er war als Soldat im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden, vielleicht ein Grund, warum er ledig blieb. Die Schwerbehinderung wurde mit 70 Prozent anerkannt, und er bezog deswegen eine kleine Rente. Als Beruf wurde auf der Meldekarte "Metzgergeselle" notiert. Trotz oder wegen seiner Behinderung gehörte Friedrich-Josef Wihl zu den ersten Juden, die aus Krefeld deportiert wurden. Da Lodsch ("Litzmannstadt") in das Deutsche Reich eingegliedert war, gehörte auch das von den Deutschen eingerichtete Ghetto zum Deutschen Reich. Da er also Deutschland nicht verließ, hatte nach der Logik der Verwaltung der kriegsversehrte Herr Wihl weiter Anspruch auf seine Rentenzahlung - bis er am 8. Mai 1942 in Kulmhof (Chelmno) vergast wurde.

Erna Goldstein und ihre Familie waren in den Niederlanden durch die Besetzung der Deutschen wieder in Reichweite der Nationalsozialisten geraten. Erna Goldstein gelang es unterzutauchen und durch die Hilfe vieler Niederländer zu überleben. Was mit Sohn Edgar geschah, ist unbekannt. Er war 1940 achtzehn Jahre alt, und ein junger Mann in diesem Alter fiel unweigerlich auf - warum arbeitete er nicht in den Niederlanden oder in Deutschland in der Rüstungsindustrie?

Überliefert ist das traurige Schicksal von Alfred Goldstein. Er wurde noch 1944 in Westerbork interniert, nach Bergen-Belsen deportiert und dort am 24. Dezember ermordet. Thekla Scheuer geb. Wihl war die Einzige, die nach dem Krieg nach Krefeld zurückkehrte. Sie starb 1962 und ist neben ihren Eltern auf dem neuen jüdischen Friedhof bestattet worden.

Lohstraße 58 - Heinrich Plum: Heinrich ("Heiner") Plum war Mitglied der Kommunistischen Partei. Der Arbeiter - er hatte sich vom Knecht zum Steinformer ausgebildet - war als politischer Leiter der mitgliederstarken Partei kein Unbekannter, auch bei den politischen Gegnern nicht. 1933 gehörte er zu den politischen Mandatsträgern, die ohne konkreten Tatvorwurf in die ersten Konzentrationslager kamen. Im September wurde er auf "Ehrenwort" entlassen. Doch Heiner Plum und seine Genossen versuchten ein damals illegales Netzwerk der KPD zu errichten. Dieser Versuch wurde verraten und ihm (und vielen anderen) wurde der Prozess gemacht. Nach Verbüßung der Strafe wurde er noch am Krefelder Bahnhof von der Gestapo in Empfang genommen und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Regelmäßige Entlassungsgesuche wurden ebenso regelmäßig abgelehnt. So blieb er sechs Jahre in Buchenwald, bis zur Befreiung durch amerikanische Soldaten. Körperlich war er ein gebrochener Mann. Seine Heimkehr nach Krefeld überlebte er nur wenige Jahre. Er starb am 25. August 1950.

Quelle: RP
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