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Krefeld
Neue Haltestelle am Ostwall: Polizei fährt Politik in die Parade

Krefeld: Fußgängerampeln am Ostwall
Krefeld. Die Straßenquerung sorgt derzeit nicht nur bei den Verkehrsteilnehmern für sehr viel Verwirrung. Von Joachim Niessen und Jens Voss

Für die einen ist es Krefelds jüngste Sprintstrecke, für die anderen Verkehrs-Kampfgebiet von Fußgängern, Bussen, Bahnen sowie Auto- und Radfahrern: die Ampelanlage an der Haltestelle am Ostwall. In jedem Fall ist dort im Minutentakt Ärger und Chaos programmiert. Fußgänger laufen trotz grüner Ampel vor bimmelnde Straßenbahnen, Busse überholen auf ihrer Spur Autofahrer, die sich artig an die Tempo-10-Regelung halten.

Parallel scheiden sich bei Politik, Verwaltung und Polizei die Geister, was auf dem mehrere hundert Meter langen Straßenabschnitt erlaubt ist und was nicht. Die städtischen Planer sprechen mit Blick auf den kompletten Haltestellenbereich vom "shared space" (gemeinsam genutzter Raum): Charakteristisch ist dabei die Idee, auf Verkehrszeichen, Signalanlagen und Fahrbahnmarkierungen zu verzichten. Mit Blick auf die nackten Tatsachen vor Ort tauchen sofort Fragen auf.

Fußgänger dürfen den Ostwall im Haltestellenbereich nur an der Ampelanlage queren, so die Polizei. Manche Politiker und Planer sehen das anders. FOTO: Lammertz

Ein Knackpunkt: Eine Ampelanlage ist im "shared space" eigentlich nicht vorgesehen, hier aber vorhanden und ein Stein des Anstoßes. "Ich denke, es ist ein psychologischer Effekt: Weil die Ampel da ist, glauben die Leute, man darf nur an der Ampel rübergehen", sagt Grünen-Ratsherr Daniel John. "Viele wissen nicht, dass es in diesem Bereich ihr gutes Recht ist, drei Meter neben der Ampel über die Straße zu gehen." Die Grünen plädieren dafür, die Temporeduzierung stärker hervorzuheben ("ein Tempo-10-Schild aufzuhängen reicht nicht") und durch optische oder andere Signale darauf hinzuweisen, dass man als Fußgänger die Straße im gesamten Bereich der Haltestelle queren darf.

Hier melden sich die Juristen zu Wort. Denn der Begriff "shared space" taucht in der Straßenverkehrsordnung gar nicht auf. Daher gebe es für eine übergreifende freie Nutzung auch keine rechtliche Basis. Weil es aber in der deutschen Bürokratie nichts gibt, was es nicht gibt, haben Experten unter all den Paragrafen den Begriff des "verkehrsberuhigten Geschäftsbereichs" gefunden. Darin bewegen sich Fahrzeuge unterhalb von Tempo 30, gleichzeitig und gleichberechtigt können auch Fußgänger oder Radfahrer diese Fläche nutzen.

Ostwall: Farbenspiel an neuer Haltestelle in Krefeld FOTO: Lothar Strücken

Das sieht die Staatsgewalt anders: "Es handelt sich an dieser Stelle nicht um einen ,Verkehrsberuhigten Geschäftsbereich'", sagt die Polizei. Und: "Das Umfeld der neuen Haltestelle Ostwall ist auch kein ,shared space'." Kennzeichnend für einen gemeinsam genutzten Verkehrsraum solcher Art wäre, dass dort außer der Grundregel §1 StVO ("ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht") keine Regeln existieren und jeder auf jeden achten müsse. "Das ist faktisch nicht der Fall. Die Verhältnisse auf und an der Straße sind genau definiert, das heißt, es gelten dort definierte Verkehrsregeln.

Zudem erscheint die vorhandene Verkehrsdichte nach bislang gewonnenen Erfahrungen der Verkehrsingenieure auch nicht geeignet, dort einen ,shared space' einzurichten." Das kann FDP-Fraktionschef Joachim C. Heitmann teilweise nachvollziehen: "Ein Verzicht auf die Ampeln scheint uns mit Blick auf die Intensität des Verkehrs nicht möglich zu sein. Allerdings sind die Grünphasen ein Problem. Es dürfte nicht zu einer Kollision mit der Straßenbahn kommen." Die SPD ist noch in der Findungsphase: "Uns ist klar, dass die Situation für Fußgänger nicht befriedigend ist. Wir wollen aber jetzt nicht mit schnellen Forderungen an die Öffentlichkeit gehen, sondern intern in enger Abstimmung mit dem Fachverstand der Verwaltung Lösungen suchen", sagt SPD-Ratsherr Jürgen Hengst.

Fotos: Straßenbahnen fahren wieder auf dem Ostwall FOTO: Lothar Strücken

Für die Verwaltung ist eine Lösung ganz ohne Fußgängerampel kein Thema: "Laut Fachbereich Tiefbau benutzen geschätzte 95 Prozent der Passanten den Übergang mit Ampel, geschätzte vier Prozent den Übergang ohne Ampel an der Neue Linner Straße, der verbleibende Rest quert die Fahrbahn zwischen den Übergängen", erklärt ein Stadtsprecher. "Würde man nun aber die 95 Prozent der Passanten ohne Ampel die Fahrbahn queren lassen, würde es zu einem chaotischen Zustand kommen."

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Quelle: RP
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