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Erkelenzer Land
Kälte trotz Rekordhitze

Erkelenzer Land: Kälte trotz Rekordhitze
Angelo Longo vom Wegberger Eiscafé Longo verkauft an heißen Sommertagen 120 bis 130 Liter Eis. FOTO: Uwe Heldens
Erkelenzer Land. In Erkelenz gibt es einen Ort, an dem es kälter als im Ewigen Eis ist. Ein Wegberger Eiscafé verkauft an Hitzetagen bis zu 130 Liter Speiseeis. Im Erkelenzer Stadtarchiv ist es auch ohne Klimaanlage kühle 17 bis 21 Grad Celsius. Von Angelika Hahn, Michael Heckers, Gabi Laue und Andreas Speen

Es gibt einen Flecken in Erkelenz von der Größe eines halben Fußballplatzes, da herrschen derzeit tiefere Temperaturen als im Ewigen Eis der Antarktis. Minus 25 Grad Celsius beträgt die Temperatur im Bofrost-Lager an der Ferdinand-Clasen-Straße, und frische minus 16 bis minus 20 Grad herrschen aktuell an der Polarstation Neumayer. Kein Wunder, dass die Mitarbeiter sich für ihren Acht-Stunden-Tag im Ewigen Eis von Bofrost mit Spezialanzügen, Handschuhen, Mütze und dicken Schuhen ausrüsten.

Vier fest angestellte Mitarbeiter und drei Aushilfen arbeiten bis zur ersten Pause zweieinhalb bis drei Stunden in der extremen Kälte, füllen Regale auf, räumen palettenweise Warennachschub vom Lkw ins Lager. "In der Pause müssen wir uns natürlich die Jacke ausziehen", sagt Lagerist Stephan Goetsch. Durchschnittstemperaturen von minus 25 Grad haben ihre Vor- und Nachteile, erzählt er weiter. "Im Sommer wärmt man sich schnell wieder auf, im Winter wird man nicht mehr richtig warm. Und hat man einmal einen Schnupfen, wird man ihn in der Kälte so schnell nicht los." Erhöhte Erkältungsgefahr sieht der gelernte Maurer aber nicht: "Das Immunsystem wird gestärkt. Auf dem Bau war ich öfter krank als in den 15 Jahren bei Bofrost."

Man sollte annehmen, dass es es an heißen Sommertagen besonders angenehm ist, in einem Eiscafé zu arbeiten. Doch für "Eismann" Angelo Longo aus Wegberg sind das besonders anstrengende Tage. "Ich war heute morgen um 4 Uhr hier und habe Eis gemacht", sagt der Italiener, der seinen Kunden mit seinem ausschließlich selbst gemachten "gelato tradizionale" seit 40 Jahren jeden Tag aufs Neue schmackhafte Eisvariationen anbietet. Seine Kreationen haben an heißen Tagen Hochkonjunktur. Für Angelo Longo und sein Team bedeutet das viel Arbeit. Von 10 bis 21 Uhr hat das Eiscafé Longo (Karmelitergasse 5) in Wegberg täglich geöffnet. Einen Ruhetag gibt es während der Sommermonate nicht. "120 bis 130 Liter Eis gehen an heißen Tagen über die Ladentheke", schätzt Longo. 24 Eissorten hat er im Programm, allesamt selbst gemacht: "Beliebt sind zurzeit Yoghurt-Heidelbeere, Cookies und Yogurette. Und Doppel-Schoko ist einfach der Hammer." Umkleiden gehört für Metzger zum Alltag, im Sommer noch mehr als sonst. Nicht, weil es so heiß ist, sondern weil die zu ertragende Temperaturspanne größer wird. Dirk Rösken aus Erkelenz erklärt: "Wir arbeiten in unterschiedlichen Kühlzonen. In den Räumen fürs Zerlegen und Verpacken sind beispielsweise rund sieben Grad Celsius, in der Tiefkühlzone hingegen mindestens minus 18 Grad. Dazwischen gibt es außerdem noch Kühlzonen, die ideal für Fleisch oder für Wurst sind, das sind null bis zwei Grad beziehungsweise drei bis sieben Grad Celsius." Für die Fahrer, die Waren ausliefern, sind die Schwankungen besonders groß, liegen sie doch zwischen der Außentemperatur und der Tiefkühlzone, was mithin ein Unterschied von mehr als 45 Grad Celsius sein kann. "Ein sehr gesundes Körperabwehrsystem ist für Mitarbeiter in Metzgereien nötig", sagt Dirk Rösken. Und die richtige Kleidung. Auch an Sommertagen wie heute gehören Thermowesten und dicke Kleidung dazu, je nachdem, in welcher Kühlzone gerade gearbeitet wird.

Auch beim Betreten von Apotheken erleben Kunden an Hitzetagen oft angenehme Kühle - zum Schutz der sehr temperatur-abhängigen Medikamente. "Wir sind amtsärztlich dazu verpflichtet, 25 Grad Raumtemperatur nicht zu überschreiten", informiert auf Anfrage Michael Krug, Inhaber der Marienapotheke in der Wassenberger Oberstadt. Entsprechend programmiert sei die Klimanlage. In Kühlschränken für bestimmte Medikamente solle die Temeratur zwei bis acht Grad betragen. Die Temperaturen würden digital kontolliert und dokumentiert, so dass dem Amtsapotheker jederzeit Rechenschaft gegeben werden kann. Krug hält eine Temperatur unterhalb der 23-Grad-Grenze in Kunden- und Mitarbeiterräumen gerade an extremen Hitzetagen wie derzeit für zu niedrig, weil ein zu starker Kontrast zwischen Außen- und Raumtemperatur wie ein Schock auf den Körper wirke und die Gefahr von Sommererkältungen fördere.

Eine Klimaanlage besitzt das Erkelenzer Stadtarchiv nicht - und doch ist es dort im Hochsommer angenehm temperiert. "Das irritiert unsere Besucher manchmal schon ein wenig", sagt Stadtarchivarin Dr. Alice Habersack und erklärt: "Unser Magazin besitzt eine natürliche Klimatisierung, die es schafft, durchgängig über das Jahr eine Temperatur von 17 bis 21 Grad Celsius zu halten. Dazu gehören Jalousien, eine Massivbauweise aus Ziegelstein und Fenster, die automatisch bei der Regulation helfen, falls die Luftfeuchtigkeit im Magazin zu hoch werden sollte." Um die Dokumente zu erhalten, ist Habersack zufolge die Konstanz der Temperatur bedeutend: "Temperaturschwankungen beschleunigen deren Alterung." Und übrigens, schiebt die Stadtarchivarin mit einem Augenzwinkern hinterher, "so bleiben auch die Mitarbeiter länger jung".

Quelle: RP
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