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Lokalsport
Fankultur pur auf der Gegengeraden

Wegberg. Fortuna-Fans genießen das besondere Flair bei den Freundschaftsspielen. Von Jessica Balleer

Über den Sinn und Unsinn von Testspielen in der Sommerpause wird hier gar nicht diskutiert. Dass diese Pause, die offiziell zwischen Mai und August liegt, in Wahrheit die einzige Möglichkeit ist, um als Fußball-Traditionalist auf seine Kosten zu kommen, davon ist auf den Erdhügeln am Spielfeldrand jeder Fan überzeugt. "Testspiele sind gut, um die neuen Spieler im Kader kennenzulernen", sagte Boris Warmbier (64), Fortuna-Fan aus Wassenberg. Verständlich. Man muss schließlich wissen, wem man da jede Woche von der Stadiontribüne aus zujubelt, wen man anfeuert und zuweilen maßregeln muss.

Eine hochklassige Partie war dabei nicht zu erwarten: Für Beecks Spieler war es Tag eins nach dem Trainingsauftakt. Die Profi-Kicker aus Düsseldorf kamen direkt aus dem Trainingslager auf Langeoog ins Waldstadion. Doch darum ging es den Fans nicht. Weder den schwarz-rot gekleideten auf der Tribüne, noch den Anhängern von Fortuna Düsseldorf, den beachtlichen rot-weißen Farbtupfern unter mehr als 1000 Besuchern.

Noch so ein Zeichen für den scheinbar unstillbaren Hunger der Fans nach dem rollenden Ball, nach Doppelpässen, Siegen und Toren. In rot-weißer Kutte steht Boris Warmbier auf der Sonnenseite des Waldstadions. Die Gegengerade ist in Düsseldorfer Hand. 50 Jahre ist es her, da stand er selbst als B-Junior für den Verein seines Herzens auf dem Fußballplatz. Für eine Profi-Karriere hat es nicht gereicht. Stadtmeisterschaften statt Bundesligaspiele.

Heute ist der gebürtige Düsseldorfer ein glühender Anhänger, reist seinem Lieblingsverein stets hinterher. "Hier ist man viel näher an den Spielern dran, man hört jedes Wort, das auf dem Platz gesagt wird", sagt Warmbier über die Vorzüge von Freundschaftsspielen. Während der Saison besucht er zusammen mit Jacqueline und Ernst Kochs aus Geilenkirchen jedes Heimspiel im Düsseldorfer Stadion. "Die Stimmung ist immer überragend, aber die Nähe fehlt", sagt er.

Fan-Kritik an einem Trend, der sich in den letzten Jahren gezeigt hat. Denn Bundesligazirkus heißt heute, dass nur noch mit vorgehaltener Hand kommuniziert wird, Fans und Mannschaft durch Zäune getrennt und fünf Sekunden Aufmerksamkeit für ein Autogramm das höchste der Gefühle sind.

So brandet Begeisterung im rot-weißen Block auf, bei jedem "Spiel Linie!", vom Düsseldorfer Linksverteidiger Lukas Schmitz. Oder als Offensivkraft Axel Bellinghausen beim Torabschluss dem Nebenmann seine Meinung über Kunststücke im Sechzehner mitteilt: "Lass' doch die scheiß Hacke!" Man hört Fußball in der Form, wie ihn jeder aus der eigenen Jugend kennt, sagt Ernst Kochs. Der Geilenkirchener wurde Ende der 70er Jahre Fortuna-Fan, als der Aufstieg in die 2. Liga gelang. Die Ansprüche sind - bei allem Respekt vor Beeck - gestiegen. Ganz zufrieden ist das Fan-Trio nach dem 1:1 nicht: "Wir hätten gerne mehr Tore gesehen."

Auf der Gegengeraden finden sie sich dennoch, die Plädoyers für Freundschaftsspiele. Nähe zum Rasen, Zwischenrufe und Bier. Die Drei ließen sich kurz vom Fachsimpeln über Spielzüge ablenken. "Für zwei Euro gibt's das gute Bolten Alt, so macht das Spaß." Das Düsseldorfer Uerige, Füchschens oder Frankenheimer sei aber mindestens genau so gut. 1:1 also der Endstand in vielerlei Hinsicht. Der Gewinner des Nachmittags war einmal mehr der Fußball selbst. Der lebt vor allem dank des Fantums, das eine Überzeugung ist die keine Sommerpause braucht, sondern regelmäßig befriedigt werden will.

Quelle: RP
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